Spielwütige lebt für Bühne

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Regisseur Thalheimer schätzt die Kraft und Selbstverständlichkeit, mit der Constanze Becker ihre Rollen ausfüllt, hier als Medea im Frankfurter Schauspiel.

Frankfurt - Für ihre Leistung als Hauptfigur in Michael Thalheimers „Medea“- Inszenierung am Frankfurter Schauspiel erhält Constanze Becker heute in Bensheim den Gertrud-Eysoldt-Ring. Von Stefan Michalzik

Für Interviews, heißt es aus der Pressestelle des Frankfurter Schauspiels, steht Constanze Becker nicht zur Verfügung. In der Öffentlichkeit, ist in einem der wenigen, das sie doch einmal gegeben hat, zu lesen, stehe sie nicht gern, abgesehen von der Bühne. So beschränkt sich der persönliche Eindruck auf wenige flüchtige Sichtbegegnungen im Foyer und auf der Straße. Es ist der einer ernsten Frau, die gut geerdet wirkt, in sich ruhend und selbstbewusst.

„Eine der wenigen Heroinen unserer Zeit“: Mit diesen Worten hat sie der Regisseur Michael Thalheimer charakterisiert, der mit der 34-Jährigen bislang vier Inszenierungen entwickelt hat. Zuletzt Euripides’ „Medea“ in Frankfurt, für die Darstellung der Titelfigur wird sie heute den Gertrud-Eysoldt-Ring überreicht bekommen, der auf Vorschlag der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste von der Stadt Bensheim vergeben wird und als höchste Anerkennung im deutschsprachigen Theater gilt. Heroisch, so Thalheimer weiter, seien bei Becker die Kraft und die Selbstverständlichkeit, mit der sie ihre Rollen ausfülle. Ohne in hohles Pathos zu verfallen, ohne falsche Töne anzuschlagen.

Als Medea vermag Becker es, Verletztheit derart gegenwärtig zu machen, dass die Figur noch im Moment der List eher zart als hart erscheint. Mag die Tat, der doppelte Kindsmord, unfassbar bleiben, die Gefühle können wir in all ihrer verhängnisvollen Radikalität verstehen. Auch wenn Becker bloß am Rand steht und zuhört, sprechen Körper und Gesicht in einer Weise, in der sich das ganze Drama prismatisch spiegelt. Als „Ensemble-Tier“ stuft sie sich ein, an Film und Fernsehen zeigt sie sich weniger interessiert.

Während ihrer Ausbildung an der Berliner Hochschule „Ernst Busch“ hat sie der Dokumentarfilmer Andres Veiel mit drei Kommilitonen begleitet, für die Langzeitdokumentation „Die Spielwütigen“, bis zum ersten Engagement 2001 in Leipzig. „Ich möchte, dass das was ich spiele, ehrlich ist“, hat sie in die Kamera gesagt, „dass es wahrhaftig ist.“ Auffallend ernst wirkte sie schon damals, mit gerade mal 18 Jahren. Über Düsseldorf führte ihr Weg sie 2006 ans Deutsche Theater in Berlin, wo sie erstmals Michael Thalheimer traf. Neben ihm sind Karin Henkel und der inzwischen verstorbene Jürgen Gosch bislang ihre wichtigsten Regisseure gewesen. 2008 ist sie aus der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“ als Schauspielerin des Jahres hervorgegangen. Zusammen mit Oliver Reese ist sie zum Antritt seiner Intendanz 2009 nach Frankfurt gewechselt.

Als hermaphroditischer Mephisto in Günter Krämers „Faust II“ zu Beginn der laufenden Spielzeit am Frankfurter Schauspiel, in Frack und Zylinder, mit einem Stöckelschuh als Pferdefuß, legt sie in einem steten Wandel der Haltungen bloß, wie sehr Faust und Mephisto eins sind im Sinne zweier Seelen in einer Brust. Neben der unprätentiös eine Gegenwärtigkeit in den Stoffen der Klassiker behauptenden Heroine liegen ihr durchaus auch die komischen Rollen wie die Magdalena in der Uraufführung von Moritz Rinkes Komödie „Wir lieben und wissen nichts“ in Frankfurt unter der Regie von Oliver Reese.

Just am Abend vor der Verleihung des nach der zum Ensemble von Max Reinhardt gehörigen Schauspielerin Gertrud Eysoldt benannten Rings hatte Constanze Beckers Regiedebüt an den Frankfurter Kammerspielen Premiere. Mit Schauspielstudenten der hiesigen Hochschule inszeniert sie dort Marieluise Fleißers auf die 1920er Jahre zurückgehenden Erstling „Fegefeuer in Ingolstadt“. Ob ihrer Konsequenz würde es einen nicht erstaunen, wenn sich dieser Gehversuch als der Beginn einer zweiten Karriere herausstellen sollte.

Quelle: op-online.de

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