Frankfurter Glücksfall

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Tolles Ensemble: Christian Bo Salle, Nico Holonics, Henrike Johanna Jörissen, Marek Harloff (von links).

Frankfurt - Ein Mann kehrt nach Jahren der Abwesenheit, in denen er in der großen Stadt als Immobilienhändler Karriere gemacht hat, in das irgendwo an der B1 gelegene Provinznest seiner Kindheit und Jugend zurück. Von Stefan Michalzik

Er begegnet seiner Jugendliebe, die damals einen andern genommen hat, er ist konfrontiert mit seiner Vergangenheit, mit Erinnerungen, mit Fragen von Verantwortung und Schuld. Der Ort, ohnedies schon durch Enge und Begrenztheit gekennzeichnet, leidet ob der Verlagerung des neutral so bezeichneten ,,Werks“, das einmal allen Arbeit gegeben hat, am Niedergang.

Nis-Momme Stockmanns Stück ,,Der Freund krank“, sein drittes als Hausautor am Frankfurter Schauspiel, liest sich wie ein innerer Monolog mit dialogischen Passagen. Es ist nicht offenbar, was Wirklichkeit und was Traum - und Alptraum - ist. Man weiß noch nicht einmal, ob der nicht namentlich benannte Ich-Sprecher seinen Heimatort tatsächlich wieder betreten hat.

Ensembleinszenierung ist äußerst stringent

Martin Schulzes Ensembleinszenierung ist äußerst stringent. Die Gardinen, mit denen der Bühnenbildner Daniel Roskamp den Raum durchzogen hat, lassen verschleierte Durchblicke und Schattenspiele zu; Mauerfundamente von Zimmern verweisen auf die Enge der Verhältnisse. Das Ich teilt sich in eine Trias von perfekt frisierten jungen Männern mit Anzug und Krawatte; das Sprechtempo ist geschwind, der klappernde Rhythmus der Dialoge steht in einem produktiven Spannungsverhältnis zu dem an sich leisen und poetischen Text und seinem gelinden Humor. Die Männer verkörpern gleichsam das schillernde Spektrum einer Persönlichkeit: Christian Bo Salle gibt den nachdenklich-eleganten Schöngeist mit intellektuellem Habitus, Nico Holonics den jungenhaften Milden, Marek Harloff den Hitzkopf.

Die Nora von Henrike Johanna Jörissen ist eine schnippisch-launige Diva des Arbeitermilieus. Sie ist schwanger oder auch nicht, jedenfalls schnallt sie sich am Anfang vor aller Augen einen kugeldicken Bauch vor, dessen ungeachtet sie demonstrativ raucht und Schnaps und Bier trinkt. Ihr dem Wahnsinn anheimgefallener Freund Mirko bedarf einer kindsgleichen Pflege. Das Ich macht es sich behaglich in dieser Welt und träumt sich in eine Gemeinsamkeit mit Nora, samt satirisch überzeichneter Konsumbefriedigung in Gestalt einer Unzahl von Kartons aus dem Elektronikmarkt. Mit den unschuldigen Träumen aber ist es nichts, denn es wird offenbar, dass der Immobilienhändler skrupellos den Grund und Boden des Orts verhökert hat.

Stockmann ist ein weiterer Wurf gelungen. Dieses stockmannsche Unikat, das unspektakulär vom landläufigen Leben und von der Verstrickung des Einzelnen - ist das Ich Opfer oder Täter? - handelt, ist eine Komödie von tiefstem Ernst. Es ist von einer unmittelbaren, über eine platte, fernsehspielartige Abbildhaftigkeit erhabenen Welthaltigkeit, wie sie dem Theater und uns, den Zuschauern, nur zu wünschen ist. Ein Glücksfall.

Quelle: op-online.de

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