Schirn Kunsthalle zeigt „Géricault“

Menschlicher Funke

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Zärtlicher Blick auf letzte Dinge: Théodore Géricaults „Fragments anatomiques“ (1818)

Frankfurt - Schlagzeilenträchtig ist die Ausstellung in der Frankfurter Kunsthalle Schirn, Nicht ganz so sensationsheischend wie Gunther von Hagens Wanderausstellung „Körperwelten“, aber mit einem gewissen Aufreger-Potential. Von Carsten Müller

Denn die im Zusammenhang mit dem Kulturfonds-Schwerpunkt „Romantik“ entstandene erste umfassende Präsentation des französischen Malers Théodore Géricault (1791-1824) in Deutschland trägt den Untertitel „Bilder auf Leben und Tod“ zu Recht, rückt der früh an einem Wirbelsäulentumor Verstorbene doch gesellschaftliche Tabus ins Bild.

Physische Leiden und psychische Qualen haben den Begründer der romantischen Schule Frankreichs fasziniert, der mit seinen Studien und Salonmalereien für eine neue Sicht auf den Menschen steht, wie Kurator und Géricault-Forscher Gregor Wedekind erläutert. Zu sehen ist das in vier Kapiteln der Ausstellung, die 130 Leihgaben unter anderem aus Paris, Montpellier, Gent, Brüssel, London, New York und Los Angeles versammelt. 62 Werke Géricaults treten dabei in Dialog mit Arbeiten von Francisco de Goya, Eugène Delacroix oder Adolph Menzel.

Lebensnahe Körperstudien

„Kämpfe“, „Körper“, „Köpfe“ und „Krisen“ hat Wedekind die vier Räume im Ausstellungshaus am Römerberg benannt. Géricaults Kämpfe sind die zwischen Liebespaaren, Boxern, Mensch und Tier, in Zeichnungen, Radierungen und Ölgemälden zu sehen. Auch zeigt der aus einer Familie von Militärs stammende Künstler in Lithographien die Kehrseite des Krieges, heimkehrende Soldaten mit verhärmten Gesichtern, Verletze, und in eindringlichen Tableaus den sozialen „Kampf“ von Bettlern und Ausgestoßenen.

Einzigartig sind seine lebensnahen und kraftvollen Körperstudien und Akte, in die der auf Steigerung des Ausdrucks bedachte Géricault eine „Empfindung von Lebendigkeit“, so Wedekind, einträgt, Blutige Gliedmaßen, die sich der Franzose ins Atelier bringen ließ, um sie aus verschiedenen Perspektiven zu malen, malten nicht den Horror des Todes aus, sondern seien eine „beinahe zärtliche Reflexion auf das Lebendige“.

Wie fließend im 19. Jahrhundert die Grenzen zwischen Kunst und Wissenschaft verliefen, zeigt das Kapitel „Köpfe“, das Studien und Atelierarbeiten versammelt, die als Vorstudien für große Gemälde wie „Das Floß der Medusa“ aus dem Louvre dienten, aber auch illustrieren, dass sich der der Künstler intensiv mit den damals als Wissenschaften geltenden Methoden der Physiognomik und Phrenologie beschäftigte, die Zusammenhänge zwischen Begabung und Schädelform herstellten. Géricaults Anspruch ging über das medizinisch Fassbare hinaus: Er fing Seelen ein – sogar in detailreichen Zeichnungen abgeschlagener Köpfe.

Das letzte Kapitel vereint vier der fünf berühmten Monomanen des Künstlers. Die großformatigen Porträts von Geisteskranken rücken Menschliches ins Licht und reflektieren zeitgenössische Strömungen der Reform-Psychiatrie, in der Zwang durch Therapie ersetzt wurde. Medizinhistorische Abhandlungen, Fotografien, Objekte und Illustrationen veranschaulichen das. Und auch Géricault wird zum Studienobjekt: Seine letzten Stunden auf dem Sterbebett haben Künstlerkollegen für die Nachwelt erhalten.

  • „Géricault. Bilder auf Leben und Tod“ bis 5. Januar 2014 in der Kunsthalle Schirn, Frankfurt, Römerberg. Geöffnet: Dienstag, Freitag bis Sonntag 10–19 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 10–22 Uhr

Quelle: op-online.de

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