Besinnung und Befreiung in der Schirn

„Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger“

Manets „Pfingstrosenstrauch“

Frankfurt - Künstler arbeiten oft bis an ihr Lebensende – auch wenn sie körperlich eingeschränkt sind oder den Tod vor Augen haben. In großer Freiheit reflektieren und vertiefen sie dann ihre Lebensleistung oder revidieren Früheres. Von Reinhold Gries

So sieht man das auch in der Schirn-Ausstellung „Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger“, die weniger chronologisch als poetisch vierzehn Meister der Moderne gegenüberstellt.

Manets „Pfingstrosenstrauch“

Zwei große Franzosen stehen am Anfang der Schau: Eduard Manet und Claude Monet. Manets kostbare Stillleben zeigen Pfingstrosen und aufblühende Tulpen in Kristallvasen, gemalt in brillanter Verdichtung aus Materiellem und Ideellem. Oden an das Leben sind auch Monets „Nymphéa“-Gemälde von 1914 bis 1917, die mehr sind als farbenprächtige Impressionen seines Giverny-Gartens. In ihrer malerischen Auflösung der Seerosenmotive beschreiten sie experimentell den Weg hin zur Abstraktion.

In Form und Farbe zum Wesentlichen kommen

Mit Henry Matisse folgt ein weiterer französischer Kunstpionier, dessen elementar wie verspielt wirkenden Scherenschnitte der „Jazz“-Serie von 1947 ungebrochene Lebensfreude und Experimentierlust ausstrahlen. Fortschreitende Krankheit zwang ihn, in Form und Farbe zum Wesentlichen zu kommen. Ähnliches gilt für Alexej von Jawlenskys „Meditationen“ von 1934-37, mit welcher der Deutschrusse fortschreitender Lähmung trotzte. Isolation und physische Schmerzen – und ein Nazi-Malverbot – trieben sie ihn bei seinen Variationen zum menschlichen Antlitz zu verhalten glühenden Farb-Ikonen, deren Spiritualität fühlbar ist.

„Letzte Bilder. Von Manet bis Kippenberger“ bis 2. Juni in der Kunsthalle Schirn, Römerberg, Frankfurt. Geöffnet: Dienstag sowie Freitag bis Sonntag von 10-19 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 10-22 Uhr

Der an Alzheimer erkrankte Expressionist Willem de Kooning erfand sich in fein schwingenden, zeichenhaften Farbformen und harmonischen Schwüngen künstlerisch neu. Überraschend auch die „Sky Above Clouds“-Bilder der fast 80-jährigen amerikanischen Stillleben-Malerin Georgia O´Keeffe. Wie aus einem Flugzeug schauend, wagte die zunehmend Erblindende in fast immateriellen horizontalen Bildstreifen Blicke in eine malerische Unendlichkeit – bis hin zu hellem Weiß. Nicht von ungefähr heißt eines der Ölbilder „The Beyond“- „Das Jenseits“.

Zu neuen Horizonten mit der Polaroid-Kamera

Vorahnung oder Zufall? Andy Warhols Abendmahls-Reflexion „The Last Supper“ (1987) entstand wenige Wochen vor seinem überraschenden Tod.

Zu neuen Horizonten brach auch Fotograf Walker Evans auf, als er kurz vor dem 70. Geburtstag 1973 eine neu auf den Markt gekommene Polaroid-Kamera erwarb. Damit warf er den Ballast fotografischer Technik ab und hielt das Wesentliche seiner typisch amerikanischen Schilder- und Buchstaben-Umwelt fest. Sein Landsmann, der Pop-Künstler Andy Warhol, reflektierte in seinem monumentalen Querformat „The Last Supper“ (1986) mit schwarzen Umrissen aus Kunstharz und Siebdrucktinte Leonardo da Vincis „Letztes Abendmahl“ in völlig ungewohnte Warenwelt. Ahnte er bei diesem provokanten Vermächtnis, dass er wenige Wochen später an den Folgen einer Routineoperation sterben würde?

Bei anderen Künstlern war das baldige Sterben nicht nur Ahnung, sondern Gewissheit. Da frappiert es, mit welcher Größe sie mit ihrem nahen Lebensende spielen. So Francis Picabia, der ab 1949 mit „schlecht“ gemalten Bildern eine trotzige Replik auf das Überleben der Malerei produzierte. Heute wirken seine himmelskörperartigen „Points“ vor dunklem Hintergrund visionär. Die malerischen Visionen des italienische Futuristen Giorgio de Chirico eckten in den 60er/70er Jahren mit figurenreichen wie allegorischen Rekombinationen seiner Pionier-Arbeiten von 1910 bis 1930 an und spannten den Bogen von „pittura metafisica“ zur Pop-Art. Voll farbiger Üppigkeit strotzen auch die verspielten bis pathetischen Variationen des krebskranken Martin Kippenberger. Das kontrastiert hart mit Ad Reinhardts Schwarzmalerei in monochromen „Abstract Paintings“. Von dort geht man gern zurück zu Monets Seerosen-Kabinett.

Quelle: op-online.de

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