Mousonturm öffnet wieder

Mousonturm önnet wieder: Jugend hat Vorrang

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Das Performance-Kollektiv Gob Squad bespielt den Mousonturm mit dem Kinder-Projekt „Before Your Very Eyes“.

Frankfurt - Frankfurts freie Theaterszene hat es derzeit nicht leicht. Gerade einmal vier Monate ist es her, dass eine Expertenkommission ihr ein beschämendes Urteil erstellt hat. Zu alt seien sowohl Leiter als auch Darsteller vieler Häuser, zu patriarchal die Strukturen. Von Simon Broll

Oft fehle es an frischen Talenten, etwa den Absolventen der naheliegenden Hochschulen aus Frankfurt, Offenbach und Gießen. Die Jugend trete in der Main-Metropole zu selten in Erscheinung.

Schon allein deswegen möchte man Niels Ewerbeck zu seiner Hellsichtigkeit gratulieren. Noch bevor die Debatte richtig in Gang kam, hatte der neue Intendant des Frankfurter Mousonturms angekündigt, die Spielzeit mit einem Themenschwerpunkt zu beginnen. Wenn das Künstlerhaus an diesem Wochenende nach achtmonatigem Umbau wieder seine Türen öffnet, dreht sich alles rund ums Erwachsenwerden. Junge Künstler erhalten dann eine Stimme – ob hinter oder auch auf der Bühne.

So wie die Darsteller in „Before Your Very Eyes“, dem Eröffnungsstück im Mousonturm. Das deutsch-britische Performance-Kollektiv Gob Squad lässt Jugendliche vor einem großen Einwegspiegel auftreten und ihr zukünftiges Leben imaginieren. Der Zuschauer kann die Teenager beobachten, bleibt vor ihren Blicken jedoch geschützt. Und wird dennoch auf sich selbst zurückgeworfen: Die Hoffnungen und Sehnsüchte der Teenager spiegeln die eigenen Wünsche längst vergangener Jahre wieder.

Einen umgekehrten Weg wagt der Schweizer „Gesprächs-Künstler“ Mats Staub. In seiner Video-Installation „21“ lässt er Senioren des angrenzenden Wohnstifts zu Wort kommen. Die Männer und Frauen erinnern sich an ihr 21. Lebensjahr – das Alter, in dem man während der vierziger und fünfziger Jahre als erwachsen galt. Das Langzeitprojekt soll während der Eröffnungstage erstmals zu sehen sein und den gesamten September über fortgeführt werden: Staub möchte mit den Besuchern ins Gespräch kommen, um weitere Erinnerungsvideos zu sammeln.

Mehr Interaktion mit dem Bürgern, auch das ist ein Ziel des Neuintendanten Ewerbeck. Im Januar 2012 übernahm der gebürtige Kölner die Nachfolge des Mousonturm-Gründers Dieter Buroch und wandte sich gleich zu Beginn an die Frankfurter Bevölkerung. In einem eigens gestarteten Radioprojekt konnte diese ihre Ideen zum Künstlerhaus formulieren. „Uns war es wichtig, den Anwohnern das UFO näher zu bringen, als das ein Avantgarde-Labor wie der Mousonturm angesehen werden kann“, so Ewerbeck.

Parallel dazu ließ der Leiter das Gebäude sanieren, immerhin Frankfurts ältestes Hochhaus. Die Produktionshalle in der ehemaligen Seifenfabrik Mouson, die 1988 zum Avantgarde-Theater umgewandelt worden war, hätte nicht mehr den gängigen Anforderungen entsprochen, erklärt Ewerbeck. Zu stark fühlten sich viele Darsteller von den Säulen und dem Balkon eingeschränkt. „Alles erinnerte an ein Barocktheater in modernem Gewand und nicht an ein Labor für experimentelle Ausdrucksformen.“ Für 3,9 Millionen Euro wurden die Säulen nun von der Mitte des Raumes nach außen verlegt, die Bühne auf 14 Meter vergrößert und eine ausfahrbare Zuschauertribüne installiert.

Außerdem ließ der Leiter eine neue Lichtinstallation des Briten Tim Etchells auf die Außenfassade anbringen. Auf bunten Neon-Rohren ist der Spruch „The Future Will Be Confusing“ zu lesen. Ein ideales Motto für das Haus, wie Niels Ewerbeck erklärt. „Ich bin zutiefst überzeugt davon, dass wir uns in den letzten Jahren zu stark auf wissenschaftliche Formeln, Wirtschaftstheorien und Politik verlassen haben“, sagt der Mousonturm-Chef. „Unsere Aufgabe ist es, die Kunst als neuen Erkenntnislieferanten auf eine Stufe mit der Wissenschaft zu stellen.“

Mit den Umbaumaßnahmen hofft Ewerbeck, wieder mehr junge Performer nach Frankfurt zu locken und somit den Ruf des Mousonturms zu stärken. Das Künstlerhaus solle in einem Atemzug genannt werden mit dem Berliner Hebbel am Ufer und Kampnagel in Hamburg. Die Chancen für die Verjüngungskur stehen gut: Allein in dieser Saison sind zwölf Koproduktionen mit Studenten und Hochschulabgängern aus der Region geplant.

Quelle: op-online.de

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