Frankfurts reicher Fundus

Serielle Kunst des Alltäglichen: Warhol und Bayrle

Über 4 000 Werke umfasst die Sammlung des Frankfurter Museums für Moderne Kunst. Eine einzige Ausstellung im „Tortenstück“ an der Braubachstraße würde bei weitem nicht ausreichen, um den von den späten Fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bis in die Gegenwart reichenden Fundus zu präsentieren.

Leisten soll dies eine ganze Folge von Präsentationen, deren Auftakt die Schau „Yellow and Green“ markiert. Sie stellt Strömungen vor allem der Sechziger Jahre und der Gegenwart einander gegenüber, zeigt bekannte und weniger bekannte Künstler, erlaubt Wiederbegegnungen und Neuentdeckungen – und spiegelt die Handschrift der MMK-Direktoren Jean-Christophe Ammann und Udo Kittelmann in Ankäufen und Auftragsarbeiten sowie der Sammler Karl Ströher und Rolf Ricke.

Für die Ausstellung im nach der Murakami-Schau frisch renovierten Haus musste sogar Joseph Beuys weichen, dessen „Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch“ nun hinter einer Wand verborgen wurde. Stattdessen ist in der Kammer eine Installation von Martin Boyce zu sehen, der die Wolkenkratzer-Euphorie mit einem barock drapierten Bomben-Schutzvorhang kritisch hinterfragt. Einen ebenso griffigen Kommentar zur Zeitgeschichte liefert Thomas Demand, dessen großformatige Interieurs den Kindsmord in der Saarbrücker Tosa-Klause abstrahieren. Eine Ahnung des Grauens wohnt den Fotos von Papiermodellen inne.

Im Dreiecksaal stehen großformatige Tafelbilder Roy Lichtensteins aus den Sechziger Jahren für die Profanisierung klassischer Malereithemen, die in Elaine Sturtevants „Warhol Flowers“ (1990) einen Nachhall findet. Andy Warhol selbst tritt in frühen Malereien aus der Sammlung Ströher als Kritiker der Medienwelt in Erscheinung „Most Wanted“). Unweit schlagen die Kuratoren den Bogen von Warhols „Brillo Boxes“ (1963-64) zu Thomas Bayrles serieller Maggiflasche „Roter Platz“ (1982/1996). Mit Tobias Rehbergers „Most Beautiful“ (1999) und dem Bayrle-Schüler Markus Sixay, der eine seinem Körpergewicht entsprechende Menge Konfetti auf dem Boden verstreute, kommen zwei weitere Künstler mit regionalen Bezügen zur Geltung.

Beziehungen unterhalten auch Claes Oldenburgs „Bedroom Replica“ (1961) und die Raumobjekte seines zeitweiligen Assistenten Richard Artschwager (1966) nicht nur wegen verwandter Materialien. Dan Flavins (1968) Lichtinstallationen aus Neonröhren beschwören eine Galerie-Situation herauf, wie auch eine Werkgruppe von Keith Sonnier sich dieser damals für die Kunst noch neuen Lichttechnik in minimalistischer Manier annimmt.

Einem neuen Medium stellte sich gleichfalls Bruce Nauman in frühen Körper-Videos, die mit einer Filmarbeit von Aernout Mik korrespondieren, deren fassungslose Akteure die Finanzkrise bereits 2001 vorwegnehmen. Robert Rauschenbergs noch im Malerischen verhaftete Wandinstallation und John Chamberlains Schrottskulpturen stehen für den Übergang zum Minimalismus, dessen Dogmen Künstler wie Blinky Palermo, Donald Judd oder die Frankfurterin Charlotte Posenenske in Malerei, Installation und Objekt verinnerlichten. Wie sich Minimalismus in die Gegenwartskunst überträgt, zeigen neue Fotoserien Santiago Sierras, die den Menschen zum Hilfsmittel für eine sich permanent variierende Installation aus quadratischen Platten degradiert. Zu sehen sind zudem Werke von Cy Twombly, On Kawara, David Hockney, Jeff Koons, Frank Stella, Fischli & Weiss, Walter De Maria, Gerhard Richter, und, und, und  ... Eine Schau, so vielfältig wie die Sammlung – und reich an Bezügen. CARSTEN MÜLLER

„Yellow and Green – Positionen aus der Sammlung des MMK“ noch bis 30. August im Frankfurter Museum für Moderne Kunst. Öffnungszeiten: Dienstag sowie Donnerstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr, Mittwoch bis 20 Uhr.

Quelle: op-online.de

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