Frankfurts Theater soll in Bundesliga spielen

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Das Schauspiel mit einer der größten Bühnen im deutschsprachigen Raum stellt besondere Anforderungen, weiß Oliver Reese, ab Herbst Intendant am Main.

Der neue Intendant des Frankfurter Schauspiels will mit "großstädtischem Theater" auf der nationalen Ebene bestehen. Oliver Reese stellt nächste Woche seinen Spielplan vor. Von Stefan Michalzik

Herr Reese, sind Sie ein Konservativer?

Oliver Reese: Das wird mir neuerdings nachgesagt. Als wir 2001 das Deutsche Theater übernahmen, galten wir als Revoluzzer. Ich bin ein Anhänger des Repertoire- und Ensemble-Theaters und wenn das jemand konservativ findet, lasse ich mich auch gern mal einen Traditionalisten nennen. Das zeitgenössische Regietheater ist für mich aber absolut wichtig. Ohne starke Regisseure geht es nicht. Für mich steht profundes modernes Sprechtheater im Vordergrund, Schauspiel für hier und heute.

Die Experimentierbühne in der Schmidtstraße schaffen Sie ab. Wie weit geht Ihre Experimentierlust?

Grenzen fallen mir nicht ein. Ich werde auch Künstler nach Frankfurt holen, die experimentelle Theaterformen erproben. Die Schmidtstraße gibt es zwar nicht mehr, dafür wieder verstärkt das Bockenheimer Depot. Es wird ein Ort speziell für neue Formate. Das Schauspielhaus selbst konfrontiert uns mit einer der größten Bühnen im deutschen Sprachraum. Sie ist schwierig, aber auch sehr schön. Und ich will kein Theater hinter dem Eisernen Vorhang machen, sondern mich der Herausforderung des Raums stellen. Zuerst mal heißt das, dass man dieser großen Bühne mit großen Stoffen begegnen muss.

Was ist in Ihren Augen die wichtigste Entwicklung der vergangenen Jahre gewesen?

Es hat sich ein starkes Theater herauskristallisiert, das sehr frei in Projekten arbeitet, an deren Anfang nur eine Idee steht. Ein Lied, ein Titel, ein Thema. Ich mag das sehr, dass die Regisseure so offen autonom werden, vom Stoff, vom Thema ausgehend sich auf die Suche machen. Dadurch ist eine thematische Auseinandersetzung stark geworden. Nicht nur: Wie sage ich es diesmal? Sondern: Was haben wir denn eigentlich zu sagen?

Was erwarten Sie als Zuschauer vom Theater?

Es gibt diesen ganz besonderen Moment, wo etwas losgeht und man vergisst, dass man im Theater sitzt. Theater als etwas Magisches. Gelingt der Zauber, kann ich mich auf eine Welt einlassen, die auf der Bühne entsteht. Das Geheimnis besteht darin, dass wir im Theater etwas dürfen, was im normalen Leben nicht geht. Wir können Gefühlen nachgehen, die wir im wirklichen Leben vielleicht nie erlebt hätten, Konflikte ausprobieren und stellvertretend auf der Bühne stattfinden lassen.

Bringen Sie viele Leute mit aus Berlin?

Es kommen einige Schauspieler mit. Mir ist es sehr wichtig, dass es ein großstädtisches Ensemble geben wird. Und natürlich bin ich interessiert, bestehende Verbindungen mit Regisseuren weiterzuführen. Ich kann nicht alle nach Frankfurt verführen, aber einige. Das neue Schauspiel Frankfurt soll ja auch keine Replik des Deutschen Theaters werden.

Ist das denn schwer? Manchem gilt Frankfurt als Provinz.

Ich würde das mit der Provinz schwer abstreiten. Frankfurt ist eine Metropole und muss ein Theater haben, das in der Bundesliga mitspielt! Es hat schon Überzeugungsarbeit gebraucht, die Leute nach Frankfurt zu bekommen, die ich haben wollte, und man kassiert natürlich mal ein paar Absagen. Ich bin sehr interessiert daran, dass die Schauspieler fest hierher kommen und kontinuierlicher arbeiten, ich stehe nicht für das Reisetheater. Ich möchte volles Engagement für das Haus. Deshalb wird das feste Ensemble erweitert, auch wenn ich damit vielleicht gegen den allgemeinen Trend der Mobilisierung gehe.

Man muss die Leute über das Inhaltliche interessieren, umgekehrt wollen Sie ja auch etwas verdienen. Sind Sie mit den ökonomischen Bedingungen zufrieden?

Ohne Unterstützung von außen werde ich es mit meinem sehr ehrgeizigen Programm schwer haben. Ich muss mit den Spitzentheatern konkurrieren, die finanziell besser ausgestattet sind. Deswegen brauche ich zusätzliches Geld. Ich sammle – mit erstem, zunehmendem Erfolg – Gelder aus der Wirtschaft und von Stiftungen, die ich pur für die Kunst ausgeben kann. Nicht für Luxus, sondern um ein volles Programm zu schaffen, eben auch mal mit zusätzlichen Musikern auf der Bühne oder einer prominenten Uraufführung.

Wo soll das Theater in zwei Jahren, wo in fünf Jahren stehen?

In zwei Jahren soll ein Ensemble zusammen spielen, das sich auf eine tolle Art und Weise zusammengerauft hat und sich trotzdem jedes Mal neu begegnet. Es soll viele Fans geben, die wegen dieser Schauspieler auch in Stücke gehen, von denen sie vorher noch nie etwas gehört haben. Im fünften Jahr möchte ich mich selbst überrascht haben.

Quelle: op-online.de

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