Freies Spiel der Lebensgewalten

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Verschworenes Trio: Heikki Kilpeläinen, Hans-Otto Weiß und José Gallisa

Mainz - Die Schranzen um Gouverneur Riccardo sind so blasiert und übertrieben ausstaffiert wie der Provinzherrscher selbst; Zivil trägt einzig Renato, bester Freund des Gouverneurs. Von Axel Zibulski

Mit Masken spielt Tatjana Gürbacas Mainzer Neuinszenierung von Giuseppe Verdis 1859 uraufgeführter Oper „Un ballo in maschera“ allerorten, nicht erst in der finalen Ballszene, die in Verdis eher selten gezeigter Oper zum Schauplatz eines Attentats wird: Renato tötet den Gouverneur, weil er von dessen Verhältnis zu Amelia, der Gattin Renatos, erfahren hat.

Maskiert haben Giuseppe Verdi und sein Librettist Antonio Somma die Personen der Oper nach Eugène Scribes Drama „Gustave III.“ schließlich selbst, geschuldet der römischen Zensur. Weil diese keinen Königsmord auf offener Bühne duldete, verlegte Verdi das Geschehen kurzerhand ins ferne Boston: Aus dem schwedischen König Gustav III., der tatsächlich auf einem Maskenball getötet wurde, machte Verdi den Gouverneur Riccardo, aus dem Grafen Anckarström wurde dessen Freund Renato. In dieser angepassten Fassung zeigt Gürbaca die Oper auch in Mainz. Doch eigentlich lässt sie das Geschehen als Dreiecksgeschichte im Hier und Heute spielen, ohne konkrete politische Verortung.

Neuinszenierung von Tatjana Gürbaca

Im Zentrum steht in der Neuinszenierung vonTatjana Gürbaca, die bereits mehrfach am Staatstheater Mainz inszeniert hat und seit Saisonbeginn als Operndirektorin verantwortlich ist, Renato, der Mörder aus Eifersucht und enttäuschter Loyalität.

Auf zu viel Staffage im zwischenzeitlichen Verwirrspiel um einen Besuch bei der Wahrsagerin Ulrica lässt sich Gürbaca gar nicht erst ein. Hier muss man einfach glauben, dass Renato seine Gattin Amelia in den Armen Riccardos nicht erkennt. Gürbaca erzählt stringent und mit Fallhöhen: Im biederen Familienheim schließt sich Renato den beiden Verschwörern Tom und Samuel an, plant man gemeinsam den Mord an Riccardo und stimmt Renatos kleinen Sohn mit einem Pistolen-Spiel schon einmal auf die Lebensgewalten ein. In solchen Details ist Gürbacas Inszenierung fein und spannend gearbeitet, und den finalen Maskenball zeigt sie als skurril-bedrohliche Angelegenheit, mit Sense und vorwiegend drohend-dunklen Kostümierungen (Ausstattung: Marc Weeger und Silke Willrett).

Unterstützung vom Bühnenrand

Bis ins Brillante reichen die musikalischen Leistungen dieser Neuproduktion. Bei der Premiere fügte sich sogar der vom Bühnenrand singende Erfurter Tenor Richard Carlucci vorzüglich ein: Er lieh dem indisponierten und darum stumm spielenden Zurab Zurabishvili seinen metallisch hell strahlenden Riccardo-Tenor. Ruth Staffa bietet eine starke, dunkel timbrierte, voluminös, aber nie zu ausladend singende Amelia, Altistin Sanja Anastasia eine noch jugendlich-verführerische Wahrsagerin Ulrica. Ein scharfes Profil des Renato bietet Heikki Kilpeläinen – baritonal besonders prächtig und stattlich in seiner zentralen Arie „Eri tu“.

Ein weiteres Maskenspiel: Tatjana Charalgina gibt die ein wenig undurchsichtige Hosenrolle des Dieners Oscar frisch und wendig. Bereits im spannungsvoll filigranen Orchestervorspiel hat sich abgezeichnet: Viel Frische, aber noch mehr Tiefe verströmt das fein, konzentriert und dramatisch geschärft spielende Philharmonische Staatsorchester Mainz unter der Leitung von Kapellmeister Andreas Hotz, der auch den Chor des Staatstheaters mehr präzise als machtvoll einbindet. Vor allem die musikalische Seite dieses „Maskenballs“ fand in der Premiere die zu Recht intensive Zustimmung des Publikums.

Nächste Vorstellungen am 27. Januar, am 4. und 29. Februar sowie am 9., 23. und 27. März. Karten gibt es unter  06131/2851 222.

Quelle: op-online.de

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