Freiheit im Denken und Fühlen

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Peter A. Böckstiegls „Winterbild mit Bauernhäusern“.

Es ist immer wieder erstaunlich, Arbeiten bekannter neben denen wenig bekannter Künstler zu sehen. Bei der Präsentation der Hamburger Sammlung Hermann Josef Bunte in der Kunsthalle Jesuitenkirche Aschaffenburg gibt es oft keinen qualitativen Unterschied, nur verschiedene Handschriften. Von Reinhold Gries

Der seltene Überblick zum Aufbruch deutscher Kunst zwischen 1890 und 1930 schließt die Lücke zwischen „Brücke“ und „Blauem Reiter“ und vergisst nicht Impulsgeber Adolf Hölzel (1853-1934). In Dachau und ab 1905 an der Stuttgarter Kunstakademie scharte dieser hochbegabte Schüler um sich, die seine Ideen verbreiteten und weiterführten, darunter Bauhaus-Meister wie Oskar Schlemmer und Johannes Itten sowie frühe Abstrakte wie Willi Baumeister. Zum Kreis gehörten impressionistische Pleinairmaler wie Hermann Stenner (1891-1914), der in fünf Schaffensjahren ein enormes Werk hervorbrachte. Dem Expressionismus verpflichtete Künstlergruppen taten sich im Rheinland und in Westfalen zusammen. Hölzel war der erste, der 1910 an seiner Akademie eine offizielle „Damenklasse“ durchsetzte, aus der Talente kamen wie Ida Kerkovius, Lily Hildebrandt und Maria Hiller-Foell.

Der Querschnitt von 150 Gemälden auf Leinwand und Papier beginnt bei Wilhelm Leibls „Zwei Frauenhände, ein Buch haltend“ im Stil des früheren Realismus. Max Liebermanns „Badende Knaben“ verkünden ebenso neue Formensprache wie Ittens kubistisch facettierte „Sitzende mit Hut“, Baumeisters esoterische „Seilspringer“-Figurinen und Schlemmers „Stuttgarter Kirche“. Den reliefartig-expressiv malenden Christian Rohlfs lernt der Betrachter in der duftigen Temperastudie „Mädchen mit Schürze“ kennen, Kerkovius in kühn gesetzten Farbflächen und Porträts. Oskar Molls Ölbild „Katze mit Zimmerlinde“ könnte ein Stück von Matisse sein, Walter A. Rosams „Bretonische Bauern“ weisen auf Gauguins Flächenkunst hin.

„Positionen der Klassischen Moderne – die Hamburger Sammlung Hermann-Josef Bunte“, bis 6. September in der Kunsthalle Jesuitenkirche Aschaffenburg. Geöffnet: Dienstag von 14 bis 20 Uhr, Mittwoch bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr.

An den großen Vincent van Gogh knüpfen etliche Deutsche an, die kaum „Epigonen“ zu nennen sind. Voller nervösem Temperament biegen sich Peter A. Böckstiegels Bäume im „Winterbild mit Bauernhäusern“. Ernst Sagewkas flimmernde „Blühende Obstbäume“ sind Beleg für die Lichtkunst deutscher Impressionisten. Nicht nur das frisch wirkende Ölbild „Vier Frauen auf der Wiese“ zeigt Victor Tuxhorn als Großen seiner Zunft. August L. Schmitts goldgelber „Frauenkopf“ kündet von der Befreiung der Farbe. Von Stenners Galerie eleganter Genremotive geht es zu klassisch wirkenden Figurationen Hans Brühlmanns, Alfred Pellegrinis und William Straubes.

Ein eigenes Kabinett zu Lehrmeister Hölzel gibt einzigartige Einblicke in seine dynamischen „Kompositionen“. Seine „Figürliche Szene in Landschaft“ scheint 1922 Max Ernsts surreale Welt vorwegzunehmen; andere Landschaften reflektieren die Kunst der Worpsweder. Die pastos gesetzte „Familienszene“ von 1912 wirkt ebenso revolutionär wie manch anderes Spiel mit Farben und Formen. Auch sein chinesisch angehauchtes Pastell einer Frauenfigur strahlt aus, was von wilhelminischen Kreisen weniger gewollt war: Freiheit im Denken und Fühlen.

Quelle: op-online.de

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