Freistatt des Glaubens

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Wirtschaftliche Blüte: Als der Herrnhaag zu mächtig wurde, nahmen Ysenburger Nachfahren das Toleranzedikt zurück.

Büdingen - Den Grafen Ernst Casimir zu Ysenburg und Büdingen (1687-1749) hat man in Geschichtsbüchern vergessen. Vor 300 Jahren, am 29. März 1712, verkündete er als 25-jähriger ein „Toleranzpatent“, das in seiner Zeit fast revolutionär wirkte. Von Reinhold Gries

Und das in einer Kernzone des Hexenwahns, den er – im Gegensatz zur Bevölkerung – verabscheute. „Allen denjenigen, welche sich in der Stadt und Vor-Stadt Büdingen häuslich niederlassen und bauen wollen“ erteilte er „Privilegia und Freyheiten“: „So wollen Wir Jedermann vollkommene Gewissens-Freyheit verstatten… auch denen, die aus Gewissens-Scrupel sich gar zu keiner äußerlichen Religion halten.“

Ernst Casimir I.

Unter „ohnparteyischer Justiz“ schaffte er nicht nur Leibeigenschaft ab, er garantierte freien Zu- und Wegzug, zehnjährige Steuerbefreiung für zuziehende Kaufleute, Handwerker, Künstler und Gelehrte in der neuen Vorstadt vor dem Jerusalemer Tor. Das sollte auch Manufakturen befördern, „als deren es hier mangelt“. Dazu errichtete Ernst Casimir I. ein Waisenhaus und eine „Gemeinschaftliche Land-Schule“, in der Eltern „ihre Kinder umsonst informiren lassen/ und diejenige/so studiren wollen/ so weit bringen können/daß von hier auff Universitäten zu gehen.“

Erstmals gab es Gewissensfreiheit für alle, nicht nur für Katholiken, Lutheraner und Reformierte. Das Potsdamer Edikt 1685 und die Privilegien-Erlasse des Ysenburg-Offenbacher Grafen Johann Philipp 1705 für die Hugenotten gingen nicht so weit bei der Religionsfreiheit, die sich freilich auch in Büdingen auf Andachten im häuslichen Bereich zu beschränken hatte. Dazu kamen Gewerbe-, Bildungs- und Schulgeldfreiheit, eine moderne Asylpolitik für Glaubensflüchtlinge und „Sektierer“ und Emanzipation für Juden. Beeinflusst waren solch aufklärerische „Peuplierungsideen“ vom freiheitlichen Lutheraner Philipp Jacob Spener.

„Das Toleranzpatent von 1712“ bis 9. September im Heuson-Museum Büdingen. Geöffnet; Dienstag bis Donnerstag 10-12 Uhr, Dienstag bis Freitag 14-17 Uhr, Samstag und Sonntag von 14-18 Uhr

Zur Realisierung des Edikts in seiner durch Dreißigjährigen Krieg, Pest und Seuchen schwer gebeutelten Grafschaft brauchte der Graf allerdings Gleichgesinnte. Er fand sie im aus Waldeck geflohenen Kanzleirat Otto Heinrich Becker, dem Verfasser des Patents, und in seinem pietistischen Offenbacher Hofbuchdrucker Bonaventura de Launoy. De Launoy, der Graf und Rat Becker wurden vors Reichskammergericht zitiert, das Verfahren verlief jedoch im Sande. Wie sich das Toleranzedikt auswirkte – gegen den Widerstand alteingesessener Bürger – stellt erstmals das Büdinger Heuson-Museum in einer Ausstellung vor. Neben Porträts, Kostümen, Gerät, Originaldokumenten und Flurkarten sowie Darstellungen zu Perückenmachern, Schreinern, Kistlern und Strumpfwebern trifft man auf Möbel aus der Werkstatt Abraham und David Roentgens vom Herrnhaag. Denn auch die weltbekannten Ebenisten profitierten auf dem Hügel bei Büdingen – wie ab 1738 bis zu 1000 Herrnhuter dort um den Grafen Nikolaus Ludwig Zinzendorf – vom Toleranzedikt. Doch nach 1750 war dieses „Experiment“ vorbei. Zwar war in Büdingen die Einwohnerzahl von 800 auf 2105 Einwohner gestiegen. Doch als die Herrnhuter die Büdinger Residenz in den Schatten stellten, widerriefen nachfolgende Ysenburger ihr Toleranzedikt, die Herrnhuter mussten sich eine andere Bleibe suchen.

Quelle: op-online.de

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