Fremde Sphären

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Szene aus Pascal Touzeaus in Mainz uraufgeführter Choreografie „hell.and“.

Mainz - Bei der neuen Choreografie des Mainzer Ballettchefs Pascal Touzeau mit dem filmreifen Titel „Direct/or Cuts“ stürzen Wassermassen vom Bühnenhimmel. Sie verschonen die im Zentrum der Szene Wandelnden. Von Eberhard Mittwich

Wer aber außen steht, wird gnadenlos eingeweicht, am Ende auch das im roten Ballkleid barbusig durchs Geschehen wandelnde Wesen. Beruhend auf dem Bewegungsvokabular eines vor einem halben Jahrhundert entstandenen japanischen Tanztheaters, verwendet Touzeau dazu Musik aus der „Ghost Opera“ des chinesischen Komponisten Tan Dun. Der Mainzer Ballettdirektor hat mit anderen Künstlern des Hauses noch einiges dazu montiert und zeichnet für das gesamte Bühnengeschehen verantwortlich. Ein musikalisch und choreografisch fremdartiges Spektakel, das auch nicht durch die hörbare Anspielung auf William Shakespeares „Sturm“ an geistiger Nähe gewinnt.

Die zweite Uraufführung „hell.and“ des für Bühne, Kostüme und Licht zuständigen Touzeau versammelt die Kompanie, blau eingekleidet, in wechselnder Zusammensetzung an einem Scheinwerfer zur häufig verfremdeten Musik Anton Bruckners („Helgoland“), am Flügel auf der Bühne dargeboten von Bruno Raco, mit zugespielten Chorvokalisen. Das Bewegungsvokabular greift die vorgegebene Tonlage auf und setzt sie in anrührend Tänzerisches um, das dennoch am Ende unbeteiligt lässt. Tou zeaus „No Thumb“, getanzt zur Musik des Letten Peteris Vask („Dona nobis pacem“), zeigt auf technisch hervorragende Weise die vielfältigen Formen menschlicher Begegnungen, lässt aber choreografisch Wünsche offen.

Kampf auf nackter Sohle

„E2 7SD“ zeigt ein Paar (Andrea Mendez und Guillaume Hulot), das sich auf nackter Sohle zu Musikfetzen und anderen Geräuschen (Oswaldo Macia) einen rauen Kampf liefert. So stellt sich der spanische Choreograf Rafael Bonachela das raue Milieu im Londoner Eastend vor, dessen Postleitzahlen den Titel erklären. Technisch hervorragend gestaltet, stellt sich die Frage, was Eigenleistung ist und was von großen Vorbildern abgeleitet.

Nächste Aufführungen 30. Dezember sowie 8., 11., 20., 22., 23. und 26. Januar.

Diese Frage scheint bei dem letzten Stück „8 Duos for 2 dancers“ aus dem Jahr 2003 leichter beantwortbar, da der an der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst lehrende Amerikaner Marc Spradling ursprünglich unter William Forsythe arbeitete. Zu Bela Bartoks 44 Duos für 2 Violinen tanzen Julia Weiss und Guillaume Hulot in weißen Kostümen vielfältige Formen des neoklassischen Vokabulars ebenso eindrucksvoll wie eingängig. Von Pascal Touzeau zwar als Prolog für Schwergewichtigeres gedacht, ist man nach dem gesamten Programm keineswegs abgeneigt, dem leichtfüßigen Pas-de-deux-Einstieg die Krone des Abends aufzusetzen. Dieser „Rebound“ wird niemanden verprellen.

Quelle: op-online.de

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