Freuds Spiegelkabinett

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Das Paar, gespielt von Valery Tscheplanowa und Marc Oliver Schulze, gespiegelt in Franziska Junge und Torben Kessler 

Frankfurt - Wenn der Vorhang aufgeht, sieht das Publikum – sich selbst. Der Effekt ist nicht neu, aber selten so sinnfällig angewandt. Von Markus Terharn

Dass Theater vom Menschen handelt, mag sich von selbst verstehen; Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ indes reflektiert so psychologisch tief wie poetisch überhöht heimliche Sehnsüchte und verborgene Begierden. Für das Vexierspiel mit dem Unbewussten frei nach Sigmund Freud findet Bastian Krafts Inszenierung am Schauspiel Frankfurt ein treffendes Bild.

In den Kammerspielen hat Ausstatter Ben Baur dem Regisseur dafür eine Drehscheibe mit spiegelnden, gleichwohl durchsichtigen Glaselementen gebaut. Sie hält das Geschehen in ständiger Bewegung, gewährt Einsichten und verwehrt sie wieder. Die eigenartige Doppelstruktur der Vorlage schlägt sich auch in der Besetzung nieder: Beide Ehepartner sind gedoppelt, der ein erotisches Abenteuer erlebende Fridolin mit Torben Kessler und Marc Oliver Schulze, die eine grausame Begebenheit mit sexuellen Untertönen erträumende Albertine mit Franziska Junge und Valery Tscheplanowa.

Für die Schlüsselszene hat Bastian Kraft sich etwas einfallen lassen

In der Darstellung steht Individualität hinter Typenhaftigkeit zurück. Dies unterstreichen das in der Erzählung schon angelegte Agieren mit Masken und die Verwendung von Mikroports. Hinzu kommt, dass die vier Mimen in gleitendem Wechsel alle weiteren Personen verkörpern. So den verkünstlerten Nachtigall und das Mädchen namens Mizzi, den finsteren Kostümverleiher und seine überspannte Tochter sowie die geheimnisvolle Fremde. Eine kluge Dramaturgie verhindert, dass die Zuschauer den Überblick verlieren.

Wo Schnitzler 1925 mit innerem Monolog und erlebter Rede gearbeitet hat, muss die Bühnenadaption Gedanken und Gefühle des Protagonisten allein mit direkter und indirekter Rede nahebringen. Das gelingt durch starke Konzentration aufs gesprochene Wort, sparsam mit Musik von Björn SC Deigner unterlegt, ohne dass optische Mätzchen davon ablenken. Und für die Schlüsselszene hat Kraft sich etwas einfallen lassen: Die (mutmaßliche) Orgie in der Villa wird hinter Stellwänden gefeiert, lediglich per Live-Video von Pietro Fiore auf Fridolins Gesicht abzulesen. Leider fehlt eine vergleichbare Veranschaulichung für Albertines Traumerzählung.

Dieser Einsatz eines filmischen Stilmittels bleibt der einzige Verweis auf Stanley Kubricks geniale Leinwandversion des Stoffs mit Tom Cruise und Nicole Kidman, „Eyes Wide Shut“ von 1999. Kraft weiß sehr wohl, welche Vergleiche er gewinnen kann und welche nicht. In kinotauglichen knapp anderthalb Stunden gibt er genügend Anregungen zum Nachgrübeln mit auf den Heimweg...

Weitere Vorstellungen heute, 21. und 22. Januar 2012

Quelle: op-online.de

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