Friede auf Chinas Plätzen

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Märchenfiguren: Caroline Whisnant als unbarmherzige Kaisertochter Turandot, die von Prinz Kalaf (Rubens Pelizzari) erobert wird.

Wiesbaden - Die drei Fragen, die Turandot stellt, sind keineswegs die einzigen, die in Giacomo Puccinis letzter Oper im Raum stehen. Von Axel Zibulski

Warum sammelt die Kaisertochter abgeschlagene Köpfe erfolgloser Bewerber wie Trophäen? Was zieht den fremden Prinzen Kalaf so an, dass er sich dieser gefährlichen Tortur stellt, sie sogar freiwillig verlängert, nachdem er als erster Turandots Rätsel beantworten konnte? Warum bleibt Sklavin Liù loyal bis zum Tod, obwohl Kalaf sich doch anders orientiert hat?.

Alles ist eine Frage der Liebe, ihrer unerklärbaren Kraft wie zugleich der Angst vor den Verletzungen, die ihr folgen können. Das macht „Turandot“ zeitlos, letztlich sogar ortlos, beschäftigen die Fragen des eigentlich persischen Märchensujets doch bestimmt nicht nur in China.

In seiner Wiesbadener Neuinszenierung arbeitet Regisseur Cesare Lievi an zentralen Fragen und Motivationen von Pucccinis unvollendet gebliebener, von Franco Alfano zu Ende komponierter Oper konsequent vorbei. Denn Lievi fragt nicht nach Motiven, sondern zeigt ein Märchen mit realistischen Bebilderungen – was schon den ersten Widerspruch im Großen Haus des Staatstheaters bedeutet. Da sah das Premierenpublikum Rad fahrende Chinesen und im weiteren Sinne fernöstliche Talare, rote Fähnchen und ein Kaiserportal, ein Akten hortendes Minister-Terzett und Pappmaché-Figuren mit abgeschlagenen Köpfen (Bühne: Guia Buzzi).

Viel Ausstattung also, aber wenig Drama, denn zu den Schlüsselszenen ist Lievi erschreckend wenig eingefallen: Wenn Turandot an Kalaf ihre drei Rätselfragen stellt, sitzt sie auf dem Thron und er steht daneben. Mehr nicht. Als Liù gegenüber Turandot erklärt, es sei Liebe, was die Sklavin alle Folterungen ertragen lasse, verpufft dieser große Moment einfach im Getümmel. Welche Rolle das Volk, außer als Massen-Staffage, in dem Stück überhaupt spielt, scheint Lievi ohnehin nicht zu interessieren. Und dass die Kostüme (Marina Luxardo) unspezifisch aus der Asia-Kammer des Theater-Fundus zusammenklaubt scheinen, bleibt ebenso ein Ärgernis wie die vielen Ungenauigkeiten im Detail: Nie hätte in China das Volk von oben auf seinen Kaiser geschaut, wie es hier zu sehen ist.

Nächste Vorstellungen am 2., 10., 20. und 29. Dezember.

Die Krönung vieler Peinlichkeiten, die diese „Turandot“ zur Karikatur von Oper werden lassen, ist das Finale. Bevor Turandot und Kalaf zur Fortsetzung des glücklichen Endes in den Bühnen-Keller steigen, klopft man sich im Volk heiter auf den Schultern herum, lassen die Minister freudig ihre Aktenblätter flattern. Heile Welt auf Chinas Plätzen? Wenn dabei wenigstens die vokale Seite stimmen würde: Caroline Whisnants permanent flackernder Sopran verhindert eine präzise Profilgebung der Turandot, Rubens Pelizzari schleift und presst seinen engen, einfarbigen Tenor durch die Kalaf-Partie, die zu schwer und dunkel klingende Liù von Lydia Easley irritiert ebenso wie Axel Wagner mit seinem völlig aus dem Stimmkern geratenen Bass (Kaiser Altoum). Die einzige große Leistung: Dirigent Wolfgang Ott hält diese verunglückte „Turandot“ mit dem Hessischen Staatsorchester mehr als mit dem zuweilen freizügig einsetzenden Chor wenigstens instrumental plastisch und nur manchmal plakativ zusammen.

Quelle: op-online.de

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