Frische Fantasien

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Georg Wilhelm Issel (1785-1870): Baumstudie um 1818, Öl über Blei auf Papier

In der Kunst ist es wie im wahren Leben: Vollkommenheit kann auch langweilen, Unfertiges lässt der Fantasie mehr Spielräume. Mit diesem Phänomen befasst sich im Frankfurter Museum Giersch eine Ausstellung mit 131 Skizzen und Studien in Öl vom 18. bis zum frühen 20. Jahrhundert. Von Reinhold Gries 

Schon alte Meister wie Dürer oder Rembrandt nutzten Möglichkeiten der Studie und Farbskizze, um Naturmotiven nahe zu kommen oder Gemälde vorzubereiten. Die Tiepolo-Fresken der Würzburger Residenz sind ohne vorbereitende Studien undenkbar. Der Eigenwert des „magischen Augenblicks“ oder des verachteten „Nebenmotivs“ wurde indes erst spät gewürdigt, was in der Giersch-Villa an 54 Malern der Rhein-Main-Region zu verfolgen ist.

Rokoko-Hofmaler wie die Darmstädter Johann Christian Fiedler und Johann Conrad Seekatz liebten fragmentarische Kostüm- und Tierstudien nicht nur, um Wirkungen größerer Auftragsbilder zu testen. Ölskizzen des Frankfurter Malers Christian Georg Schütz sind ihrer Raffinesse kaum von dessen Gemälden zu unterscheiden.

Fragile Baumstudien

Richtig in ihrem Naturelement waren Darmstädter Landschaftsmaler des 19. Jahrhunderts und Mitglieder der Kronberger Künstlerkolonie, während die Städelschule an idealistisch-nazarenischer Historienmalerei Philipp Veits, Alfred Rethels und Edward Jakob Steinles festhielt. Noch heute reizvoll wirken fragile Baumstudien Georg Wilhelm Issels (um 1818), Schweizer Gebirgsmotive Johann Heinrich Schilbachs („Rosenlauigletscher“, 1835) und die neuartigen Wolkenstudien Carl Ludwig Seegers. Was damals als atmosphärisch dichte Stimmung herüberkam, wirkt heute wie ein Dokument verschwundener Natur. Auch andere Maler aus der Rhein-Main-Region, oft angeregt durch Besuche bei Kollegen in Paris und Barbizon, zog es hinaus ins Freie zur „Pleinairmalerei“. Unbemerkt bereitete sich auch in Deutschland vor, was heute Impressionismus heißt.

Magie des Augenblicks – Skizzen und Studien in Öl“ im Museum Giersch, Schaumainkai 83, Frankfurt. Geöffnet bis 31. Januar 2010 Dienstag bis Donnerstag 12 bis 19, Freitag 12 bis 17, Samstag/Sonntag 11 bis 17 Uhr.

Während einige das Licht westfranzösischer und britischer Landschaften in flott gemalten Skizzen an Ort und Stelle festhielten, machten sich viele auf nach Italien. Das südliche Licht von Carl Morgensterns „Blick auf Tivoli“ (1837), Adolf Hoefflers „Terracina“-Skizze (1863) und Eduard Wilhelm Poses Mittelmeerszenen zeigen warum. Friedrich Carl Hausmanns Atlantikansichten, Karl Peter Burnitz’ französische Landschaften mit strohgedeckten Bauernhäusern und Otto Scholderers „Altes Bauernhaus in Yorkshire“ (1894) stellen filmische Pilcher-Schwenke über Cornwall in den Schatten. Bei Betrachtung von Friedrich Ernst Morgensterns „Brandung bei Ostwind auf Arran“ (1884) spürt man beinahe Spritzer (italienisch schizzo) auf der Haut.

Oft zu Gast in Frankfurt und Kronberg war der geniale Zeichner Wilhelm Busch, dessen wundervolle Ölskizzen er versteckte. An „Landschaft mit Reiter I“ (1888) erkennt der Betrachter, dass Busch den Impressionismus vorwegnahm. Eine Klasse für sich ist der Berliner Malprofessor und Landschafter Eugen Bracht mit Wahlheimat Darmstadt. Nicht nur an dessen Skizzen wie Gemälden ist der Weg vieler zu verfolgen: „In der Romantik geboren, durch den Naturalismus durchgegangen und schließlich zum Impressionismus gelangt.“ Wie unrecht man unbekannten Malern getan hat, wie frisch damalige „Nicht-Motive“ wie Baumkronen, Geländebrüche, Nestfarne, Holunderbüsche und Ufersteine heute wirken, dafür öffnet diese Ausstellung die Augen.

Quelle: op-online.de

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