Fürstlicher Frauenheld

+
Die Künstlerin Yoko Nakamura hat mit ihrer Gruppe Sainokai das Genji-Epos künstlerisch umgesetzt.

Offenbach - Kürzlich feierte Japan die 1000-jährige Niederschrift eines der ältesten Romane der Weltliteratur. „Genji Monogatari“, der kaiserlichen Hofdame Murasaki Shikibu zugeschriebenes, 2000 Seiten starkes Epos zum Prinzen Genji, ist tief in Nippons Kultur verankert. Von Reinhold Gries

Obwohl der Originaltext kaum von heutigen Japanern verstanden wird, finden sich Genji und Murasaki auf Yen-Scheinen, als Filmepos, Manga oder Videospiel. Erstmals jedoch lernte man 2008 im Haupttempel der alten Kaiserstadt Kyoto die 54 Kapitel nicht nur auf Schriftrollen des 12. und Holzschnitten des 18. Jahrhunderts kennen.

Die Künstlerin Yoko Nakamura und ihre Gruppe Sainokai hatten sich des nationalen Sprachdenkmals angenommen und dessen Kapitel in 54 Oshie umgesetzt. So heißen kunstvoll geschnittene, gefaltete, geklebte und applizierte Seidenreliefs in ursprünglich chinesischer Technik. Von historischen Farbdrucken kopierte Formen und Figuren werden zu Schablonen, mit teuren Seidenstoffen überzogen und mit Watte unterfüttert. Die verblüffende Raumwirkung der kunstvoll-kleinteiligen Reliefs ist erstmals in Europa im Deutschen Ledermuseum in Offenbach zu sehen.

Fotos demonstrieren den künstlerischen Aufwand. Dann sind die farbenprächtigen Wandbilder, in der Falttechnik an Origami erinnernd, bis ins Detail zu bewundern, begleitet von erklärenden Texten. Im ersten Oshie lernt der Besucher den Prinzen als Zwölfjährigen kennen. Der spät geborene Sohn des alten Tenno und einer Konkubine wurde zwar vom Vater bevorzugt, aber als ungesetzlicher Prinz in die höfische Genji-Familie ausgegliedert. Dort kann er standesgemäß den schönen Künsten und dem Hang zum weiblichen Geschlecht frönen.

Vielleicht lag’s am Verlust seiner Mutter Kiritsubo als Zweijähriger: Genji ist enormer Frauenverbrauch zu bescheinigen, der weder vor Ziehmutter und Hofdame Fujitsubo noch vor der künftigen Frau des Thronfolgers halt macht. Mit seiner Gattin Aoi unterhält Genji kein inniges Verhältnis. Nach zeitweiliger Verbannung kommt er als Kanzler des neuen Kaisers, eigentlich Sohn einer Genji-Nebenbeziehung, zu Ansehen. Und nutzt die Privilegien zu weiteren Affären, obwohl er in Zweitfrau Murasaki die Dame seines Herzens gefunden hat. Hatte Genji doch seiner Murasaki, nach dem sich die Dichterin selbst benannte, als Mädchen zu sich genommen und wie sein eigenes Kind erzogen – bis er sie zur Geliebten machte.

„Genji Monogatari – japanische Seidenreliefbilder“ im Deutschen Ledermuseum Offenbach, Frankfurter Straße 86. Geöffnet bis 20. Juni Dienstag bis Samstag, 10 bis 17 Uhr.

Intrigen und Machenschaften, oft mit abenteuerlichem Libido-Geflecht zusammenhängend, füllen Wände. Ein Sittengemälde, das tief blicken lässt, bei dem sich aber der Prinz an gesellschaftliche Regeln hält und sogar zum Idealbild eines Mannes stilisiert wird. Nach dem Maboroshi-Kapitel mit Gedanken zur Vergänglichkeit warten die Uji-Kapitel nach Genjis Tod wegen gebrochenen Herzens nach dem Ableben seiner Murasaki mit Affären des vermeintlichen Sohns Kaoru auf. Der vom Seitensprung einer Genji-Nebenfrau Stammende kann Frauen so wenig treu bleiben wie sein „Vater“.

Schillernd, aber solide ist die Qualität der Oshie. In vielfältig gemusterten und gestalteten Seidenstoffen wiederholt sich kein Ornament. Mit Blattgold überzogene Goldwolken umschweben das Geschehen. Textilstreifen und Borten betonen das in Parallelperspektive festgehaltene Geschehen am Hof. Auffällig, wie angebetete Damen hinter Schleierwänden verborgen sind, während die Schwertscheiden der Herren aus den Reliefs herausragen. Daneben verzaubern lyrische Szenen in Booten und Mondnacht, Leuchtkäfer und Pflaumenzweige, Flöten und Saiteninstrumente sowie Kimonos.

Quelle: op-online.de

Kommentare