Leidenschaftliche Leser erwünscht

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Cornelia Funke sucht immer wieder nach einer anderen Sprache.

Hamburg/Los Angeles - Bestsellerautorin Cornelia Funke liefert neuen Lesestoff, diesmal einen Kinderroman. „Geisterritter“ wendet sich an Leser ab zehn Jahren, für ihre älteren Fans schreibt sie weiter an der „Reckless“-Reihe. Von Dorit Koch (dpa)

Sie habe stets versucht, sich von Buch zu Buch zu verändern, sagt die 52-Jährige, die vor sechs Jahren von Hamburg nach Los Angeles zog.

Ihre Fans warten auf den zweiten „Reckless“-Band. Wieso dann jetzt eine Geistergeschichte?

Funke: „Die Idee ist älter als ,Reckless’. Schon als ich noch an ,Tintentod’ schrieb, hatte ich Fotos aus Salisbury und ein Poster von William Longspees Sarkophag an meiner Schreibhauswand. Aber als ich an der ersten Fassung der Geschichte arbeitete, trat mir Jacob Reckless in den Weg – und plötzlich schrieb ich seine Geschichte. So habe ich zum ersten Mal in meinem Leben an zwei Büchern gleichzeitig geschrieben.“

Können Sie sich daran gewöhnen oder war das eine Ausnahme?

„Da die Geschichten verschiedene Altersgruppen ansprechen, ging das sehr gut. So war es denn auch eine schöne Erfahrung, festzustellen: Ach guck mal, das geht ja! Seitdem arbeite ich oft an mehreren Projekten gleichzeitig. Wenn man einmal gemerkt hat, dass das funktioniert, ist das eine verlockende Sache.“

Als Schauplatz für „Geisterritter“ dient das englische Salisbury. Was hat Sie dort beeindruckt?

„Alte Kathedralen sind ohne Ausnahme faszinierende Orte. Auch Notre Dame in Paris hat mich sehr beeindruckt, aber darüber kann ja nun wirklich niemand mehr schreiben, seit Victor Hugo es getan hat. In Salisbury ist der Domhof um die Kathedrale herum noch sehr idyllisch. Man tritt durch das Tor und findet sich in einer anderen Welt und Zeit wieder. Und dann gibt es im Innern der Kathedrale das Grabmals William Longspees, eines unehelichen Sohns des englischen Königs Heinrich II und seine Geschichte, die ihn zu einem wunderbaren Geisterhelden macht.“

Der andere Held Ihrer Geschichte wird aufs Internat geschickt. Viele denken gleich an „Harry Potter“...

„Wenn man über ein Internat schreibt, muss man natürlich für alle Zeiten Harry Potter erwähnen, denn auf so brillante Weise wurde es nie zuvor geschildert und verklärt! Ich hatte allerdings zunächst ein wenig Sorge, da mir Internate nicht so vertraut sind wie den Engländern. Ein gewisses Risiko ist es schon, als Deutsche über ein englisches Nationalheiligtum wie diese Kathedrale zu schreiben und dann auch noch über Rituale und Gepflogenheiten an britischen Internaten! Ich war erst beruhigt, nachdem ein englischer Freund die Geschichte gelesen und geliebt hat.“

War eines Ihrer beiden Kinder denn jemals auf einem Internat?

„Erstaunlicherweise nicht. Wobei ich gerade bei meinem Sohn gedacht hätte, dass er ein Kandidat dafür wäre, weil er es liebt, ständig von seinen Freunden umgeben zu sein. Ich hab es ihm sogar mal angeboten: Also falls du so etwas chic finden würdest, dann würde ich dich zwar sehr vermissen, aber die Zähne zusammenbeißen und es dir erlauben. Aber seine Antwort war nur: Nein danke, Mum! Auch für meine Tochter kam das überhaupt nicht infrage.“

„Geisterritter“ wird vom Verlag ausdrücklich als Kinderroman bezeichnet. Ist das eine Art Entschädigung dafür, dass diese für „Reckless“ noch zu jung sind?

„Auf „Reckless“ erhielt ich Reaktionen wie: Oh Gott, was macht sie denn jetzt?! Jetzt schreibt die Funke aber ganz anders! Mit ,Geisterritter’ kann ich meinen jüngeren Lesern beweisen, dass ich noch immer sehr leidenschaftlich auch für sie arbeite, obwohl ich mit ,Reckless’ etwas ganz anderes mache. Ich denke, es ist für beide Bücher sehr wichtig, diesen Kontrast zu zeigen.“

Haben Sie die zum Teil auch sehr negativen Reaktionen auf den ersten „Reckless“-Band überrascht?

„Es gab sehr negative und unglaublich begeisterte, aber nichts dazwischen. Und das ist es doch, was man sich von seinen Lesern wünscht: Leidenschaft. Mir war klar, dass es ein großes Abenteuer wird, zu sagen: So, jetzt versuchst du etwas Neues, auch wenn du weißt, das wird viele Leser vergrätzen und zu Irritationen führen. Wenn man etwas Erfolgreiches ändert, wird das selten willkommen geheißen. Aber mich langweilt es unendlich, mich zu wiederholen - sonst würde ich ja immer noch ,Die wilden Hühner’ schreiben.“

Haben Sie keine Sorge, viele Leser damit zu verlieren?

„Bei mir war es immer so, dass ich versuchte habe, mich von Buch zu Buch zu verändern. Und ich habe mich natürlich durch meine ganzen Erlebnisse – ich bin in ein anderes Land gezogen, ich habe meinen Mann verloren, ich bin inzwischen 52, meine Kinder sind groß – auch emotional verändert. Da sucht man nach einer anderen Sprache. Sollte meine Leserschaft künftig kleiner sein, kann ich auch damit leben – so lange sie leidenschaftlich ist, denn ich werde in der ,Reckless’-Welt wahrscheinlich zehn Jahre verbringen.“

Quelle: op-online.de

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