Funktion ohne Schnickschnack

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Braun-Haartrockner HLD 4 (1970)

„Wir haben genug Kaffeemaschinen. Was wir brauchen, sind neue Strukturen“, rief Dieter Rams, der junggebliebene, führende deutsche Industriedesigner der 50er bis 90er Jahre, im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst aus. Von Reinhold Gries

Um fortzufahren: „Design darf nicht dazu verleiten, immer mehr zu konsumieren, sondern weniger, aber besser. Es geht um Besinnung auf das Wesentliche, auch im Design. Dieser Prozess muss immer neu durchgekämpft werden.“ Seine Botschaft „Weniger, aber besser“ erinnerte wie die aus mehr als 500 Exponaten bestehende Ausstellung an den Einstein-Satz: „Alles sollte so einfach wie möglich sein, aber nicht einfacher.“

Erstaunlich, wie der Gestalter der Wirtschaftswunderjahre – 1932 in Wiesbaden geboren, Absolvent der dortigen Werkkunstschule, von 1955 bis 1995 Chefdesigner der Frankfurter/Kronberger Firma Braun – den Übergang von revolutionären Formideen der 50er und 60er in heutige Diskussion geschafft hat. Da bleibt’s nicht bei Schneewittchensarg-Nostalgie zum Phonosuper SK 4. So werden Rams’ flache, schräggestellte Elektrostat-Lautsprecherboxen von 1959 wieder aufgelegt und nachgeahmt. Seit 50 Jahren produziert die Firma Vitsoe Sessel und Regale nach Rams-Entwürfen. Dessen 1985 aufgestellte Thesen haben gefruchtet: „Gutes Design ist innovativ, brauchbar, ästhetisch, verständlich, unaufdringlich, ehrlich, langlebig, konsequent, umweltfreundlich.“

Designer Rams mit Kompaktanlage „Schneewittchensarg“

Ehrlichkeit und Funktionalität sieht man jedem Rams-Produkt an, oft mit dem Braun-Design-Team entworfen. Ideenreich-schlichten Radio-Phono-Kombinationen merkt man ihr Alter kaum an, das Audio-Studio mit Verstärkern und Boxen wirkt anziehend. Aber es geht nicht nur um Vorzeige-Ensembles wie im Vitsoe-Showroom, die sich bis ins Bundeskanzleramt verbreitet haben. Es geht auch um Gestaltung und Veränderung des Alltags mit Toastern, Handmixern, Zitruspressen, Küchenmaschinen und Multiquirls. Mit Bad-Utensilien, Haartrocknern, Rasierapparaten oder Elektrozahnbürsten. Grundformen und Basistechnik, von Offenbacher HfG-Dozenten wie Richard Fischer und Roland Ullmann mitgestaltet, sind von AEG und Siemens bis zu Krups und Rowenta nachgeahmt und weiterentwickelt.

Beherzt schlägt man den Bogen von Peter Behrens und dem Werkbund bis zum Bauhaus und zur legendären Hochschule Ulm, Vorbildern für Rams’ Formenwelt. Sinnigerweise wurde das Ulmer „Nachkriegsbauhaus“ 1968 geschlossen, „um etwas Neues zu machen“. Da staunt man ebenso wie beim Betrachten solcher Pioniergeräte wie dem Weltempfänger T 1000 mit Ledergriff, der integrierten Wandanlage aus Steuer- und Tonbandgerät plus Lautsprecher oder der handlichen Filmkamera Nizo S 8 mit Pistolengriff. Das ist bestes deutsches Design, funktional und ohne Schnickschnack, klar in Form und Gebrauch, gut verarbeitet, technisch ausgereift und stabil. Die grafische Frontgliederung des Tuners TS 45 überzeugt ebenso wie das Corporate Design für Braun vom Briefbogen bis zur Architektur, begleitet von Formdiskussion und After-Work-Partys der Sechziger.

„Less and more – Das Design-Ethos von Dieter Rams“, 22. Mai bis 5. September im Museum für Angewandte Kunst, Schaumainkai 17, Frankfurt. Geöffnet Dienstag, Donnerstag bis Sonntag 10 bis 17, Mittwoch 10 bis 20 Uhr.

Am HiFi-Markt indes ist Braun von Nippon-Herstellern verdrängt worden. Vorerst. Letzte Rams-Geräte wie das modulare Audio- und Videosystem „atelier“ von 1982 oder der Verstärker CSV 1000 stehen als limitierte Edition im Museum of Modern Art in New York. Hört man Rams, Ehrenmitglied des Rats für Formgebung in Frankfurt, ist die Schlacht noch nicht geschlagen: „Es gilt, junge Designer zu gewinnen, auch in Japan. Sie gestalten die Welt von morgen.“ Dafür baut er in Frankfurt eine Rams-Stiftung auf. Der große Zulauf junger Leute zu seinen Ausstellungen von Tokio bis London bestärkt ihn.

Quelle: op-online.de

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