Poesie der Städte

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Boboter One, „Kaos Kosmos“

Seligenstadt - Wer sagt, dass Rhein-Main-„Stylewriter“ wie Bomber (Helge W. Steinmann), Boboter One (Balázs Vesszös), Herr Peng, Jörg Schmitz oder Kai Lippok keine Künstler seien? Von Reinhold Gries 

Allen bürgerlichen Angriffen zum Trotz beweisen die Fünf im Seligenstädter Kunstforum das Gegenteil. Die reich bespielte Schau im „Alten Haus“ öffnet neben „Old School“-Nostalgie Blicke auf heutige „Urban Art“ und „Typography“, vor Jahrzehnten als Protest-Straßenkunst aus den USA zu uns gesprungen, tief hinein in die Jugendkultur unserer von Werbung überfluteten Großstädte. Bomber Steinmann, von der Politik hochdekoriert und für Kunst im öffentlichen Raum engagiert, ist in Schirn-Projekte eingebunden. Der in Offenbach wohnende Boboter One agiert unter lebhaftem Presseecho, Herr Peng verwischt mit Beifall Übergänge zwischen Museums- und Straßenkunst. Schmitz, Absolvent der Offenbacher HfG, lehrt Typographie an der FH Mainz und Lippok ist wie Boboter One Kunstpädagoge von der Goethe-Uni Frankfurt.

Virtuos setzt Kai Lippok in „Tal 1“ Strichlagen und Farbflächen in Sprühlack und Bleistift aufs Papier.

Die kritische, ironische Distanz zur Gesellschaft ist freilich Markenzeichen dieser Stadt-Kunst geblieben, die sich inzwischen selbst als „festgefahren“ kritisiert. Dafür stehen freche Bildformeln von Herrn Pengs „This is my district“, die einschränken: „ein Leben ohne peng ist möglich“ (- aber sinnlos). Sein „Anti-Style“ setzt sich von üblichen Pfeilen, Bubbles und Chrome-Runners ab und tagt sich mit Fisch-, Kreuz-, Wolken- und Mäuse-Symbolen um Peng-Namenszüge zum Schein-Bekenntnis „Mea culpa“. Seine Eulenspiegeleien - dessen „Hic fuit“ war auch Graffito - haben hinreißenden Charme zwischen Marsmännchen, Peace-Mondgesicht, Paul Klee oder A.R. Penck verwandten Chiffren, typographischer Spiellust und Plakatfarbe.

Bomber experimentiert gekonnt mit der Autonomie von ihm geschaffener Buchstabenkörper und Schreibgesten. Das mag die enttäuschen, die auf seine plastisch-dynamischen Spray-Architekturen aus Leuchtfarben abfahren. Bombers reflektives Stylewriting hat aber noch viele Gesichter, auch wenn er den Maler Pieter Brueghel als Beobachter einsetzt, Figurationen durch Spitzendeckchen und Lochblech sprüht oder rot leuchten lässt wie ein Luminale-Objekt.

„Urban Art & Typography“ bis 9. Juni in der Galerie Kunstforum Seligenstadt. Geöffnet: Freitag, Samstag und Sonntag von 15-18 Uhr

Die Jungen drängen nach. Boboter One mit „Freaky Rabbits“, „Mutanten“ und „Neo-Mutanten“, die als „Abstrakt-Wolpertinger“ oder „Collagierte Wirklichkeiten“ die „Apocalypse now“ versinnbildlichen. Beim genaueren Betrachten von Wald-, Eulen-, Hasen-, Katzenmutanten samt des Acrylbildes „Kaos Kosmos“ friert einem leicht das Grinsen im Gesicht ein. Geschickt hat der Offenbacher zwischen Neo-Dada, Surrealismus und Neuen Wilden eine Nische gefunden, auch wenn er gesägte Sperrholzplatten mit endlosen Bildzeichen übersät. Für neue Urban Art steht Jörg Schmitz´ „Scripturale Phantasie“, in meisterhaft geschwungenen Schriftzeichen und Wandreliefs ein Fall fürs Klingspor-Museum. Auch Lippok gewinnt Finelinern, Markern und Lackspray in virtuos gesetzten Strichlagen und Farbflächen neue Reize ab. Zwischen Rembrandt-Alter-ego, gestischer Rhythmik und Malerei drängt das Richtung Schirn oder MMK.

Quelle: op-online.de

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