Zerstörtes durch Kunst heilen

Offenbach - Im tiefsten Bornheim hat sich vor zehn Jahren eine Künstlergemeinschaft gebildet, die nach ihrem alten Ausstellungsraum „Eulengasse“ nennt. Von Reinhold Gries

Inzwischen ist der Projektraum in der Seckbacher Landstraße 16 in Frankfurt aus der hiesigen Kulturlandschaft kaum wegzudenken, denn er steht für Vielfalt wie eigenwillige Kreativität. Das sieht man auch daran, wie sieben Künstler der „Eulengasse“ zur Jubiläumsausstellung „Ganz – Kaputt“ die Offenbacher BOK-Galerie Salon 13 bespielen. Die junge Chilenin Claudia Riquelme werkelt noch an ihrer Draht-Ton-Installation „Armee“, die sich über den Boden und Ausstellungsebenen verteilt. Wenn man die Drähte wie sensible Antennen aus deformierten Figurationen herauswachsen sieht, kommt einem ebenso die frühere chilenische Militärjunta in den Sinn, wie bei den Löchern, Rissen und Verletzungen in Riquelmes Leinwänden, deren Grauwerte und Spuren wie ein Schlachtfeld wirken. Der Chilenin setzt auch bei von innen bläulich leuchtenden Gipsbeuteln ins Bild, was die Schau insgesamt versucht: Zerstörtes durch Kunst symbolisch wie stofflich reparieren und heilen.

Kunstpädagogin Almut Aue dazu: „Zerstörung und Heilung stehen in dialektischem Verhältnis. Was kaputtgemacht und beschädigt worden ist, will wieder ganz gemacht werden. Kunst macht nicht nur wieder ganz, sie schafft etwas ganz Neues.“ Man sieht das an auf Papierbahnen collagierten Malereien ihrer Serie „Zerflügelt“, bei dem sie sich mit der Zertrümmerung ihres alten Konzertflügels beschäftigt. Im Gegensatz zu Künstlern wie John Cage oder Rebecca Horn hat sie diesen jedoch nur in der Phantasie aus dem Fenster geworfen: „Es kracht und splittert, überall liegen versprengte Teile herum, alles ist aus den Fugen. Ich bin auch aus den Fugen…“ Ihre starken Farben, expressiv-abstrakten Formen und gestischen Kreidestriche sind auch Akt der Selbstvergewisserung. Ähnlich ist das bei Klaus Bittners drei Meter breitem Triptychon „Liebliche Endzeit“ aus Graphit und Acryl auf Karton. Seine Sichtweise ist deutlich zurückhaltender im Kolorit und stofflicher in der Malweise. Minimalistisch dagegen Harald Etzemüllers Sperrholz-Raumintervention, welche BOK-Glasbausteine undurchsichtig macht und den Ausstellungsraum versiegelt.

Die Schau „Ganz – Kaputt“ ist von 6. bis 20. Oktober in Offenbachs BOK-Galerie Salon 18, Kaiserstr. 13, zu sehen; Vernissage am 5. Oktober um 18 Uhr; Öffnungszeiten So 15 bis 18 Uhr, Mi 17 bis 20 Uhr sowie nach Vereinbarung.

Verwobenheit sichtbar machen will Susanna Sitterdings Menschen aus aller Welt verbindendes 30 Meter langes Gemeinschaftswerk „Endless Global Weaving“, seit 2011 Meter um Meter wachsend. Kettfäden aus Jeans-Stoff und Streifen aus chinesischen Plastik-Tragetaschen stehen für Beständigkeit, Schussfäden aus bunt ornamentierten Stoffen für Veränderbarkeit. Stoff, aus dem das Leben ist, prägt auch Video-Installationen des Künstlerduos „CaBri“ Carolyn Krüger und Brigitte Kottwitz. In „Klima“ lassen sie über Jahre entstandene Digital-Fotos zu gesammelten wie produzierten Geräuschen und Synthesizerklängen über einen weißen Fadenvorhang und die Projektionswand dahinter flimmern. In rasenden Bilderfolgen geht es von Auen-, Bett-, Stadt-, Wald- und Eisklima zum persönlichem „CaBri“-Klima. Das lässt auch in raschen Sequenzen der Rauminstallation „Bodenfilm“ oder einer schamanischen Installation mit Keramik-Schweinezungen im Kopf des Betrachters immer neue, eigene Filme entstehen.

Quelle: op-online.de

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