Ganz normaler Bühnenwahnsinn

Der Eiserne Vorhang klemmt, die Primadonna droht regelmäßig mit Abreise, und Verdi taucht bei der Theaterprobe nur auf den Plakaten der mit Streik drohenden Chorsänger auf. Gespielt wird Gaetano Donizettis Farce „Viva la Mamma“, komische Oper über „Sitten und Unsitten am Theater“, so der Untertitel.

In der jüngsten Musiktheater-Produktion des Wiesbadener Staatstheaters spiegelt Regisseur Markus Bothe den Probenalltag in rasanten 90 Minuten. Er greift nicht nur den Ausstand der Musiker auf, der unlängst auch in der Landeshauptstadt für klavierbegleitete Opernerlebnisse sorgte. Sondern auch Typisches: Die Plagiatsvorwürfe an Intendant Manfred Beilharz etwa, dessen eigene Umsetzung der „Salome“ von Richard Strauss einer Inszenierung in Montpellier auffallend ähnlich war. Oder das von Teilen des Publikum als Skandal empfundene Begräbnis der eigenen Mutter durch Don José in einer „Carmen“-Inszenierung.

Dabei ist diese Donizetti-Produktion weit mehr als eine reine Nabelschau. So liefert die Übertitelungs-Anlage ganz allgemein gültige Kommentare zum Belcanto und dabei zu jener Probe eines Stücks namens „Romulus und Ersilia“, wie sie Gegenstand der Donizetti-Farce ist. So verraten die Lettern etwa: „Bis zum Ende der Koloraturen gibt’s wirklich keinen neuen Text“, während die Primadonna delirierend von Rache singt. Das Orchester unter der Leitung von Cornelius Heine streikt dazu keineswegs, sondern spielt mit federleichtem Schwung auf.

Die „Mamma“ im Zentrum dieser Turbulenzen ist die Mutter einer Sängerin des zweiten Glieds, aber bald die Patronin des ganzen Hauses. Ensemblemitglied Axel Wagner spielt diese Rolle im Rock, elegant schabrackenhaft ausgestattet (Kostüme: Dorothea Katzer), mit Bravour. Die Partie der Primadonna alias „Daria Schwarzbaender-Fasskopf“, so die verquere Namenskreuzung früherer Diven, füllt Evgenia Grekova tatsächlich vokal glänzend aus, Angus Wood ist als Tenor „William Foster Jenkins“ nicht einmal der hellste Vertreter seiner Zunft, aber vokal doch weit glücklicher als jene Millionärs-Gattin gleichen Namens, die vor einem guten halben Jahrhundert in Amerika als Königin der Nacht zu reüssieren versuchte.

Ganz heutig ist die Lösung, mit der „Mamma Agate“ die zwischenzeitliche Pleite abwendet: Zwei Dutzend Werbebanner, von Fastfood-Kette bis Mineralölkonzern, prangen auf dem kitschigen Schlussbild (Bühne: Ricarda Beilharz). Ob Sitte oder Unsitte auf dem Theater, möge man am Ende des Einakters selbst entscheiden. Glücklicherweise ist zum Finale der Eiserne Vorhang doch hochgegangen. Da müssen sich doch alle anderen Katastrophen wie von selbst lösen.AXEL ZIBULSKI

Nächste Vorstellungen am 24. Februar sowie am 8., 12., 19., 25. und 29. März.

Quelle: op-online.de

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