Ganz im Text aufgehend

Kai Pfankuchs Dichter-Porträt

Die Ausstellungsreihe 2009 hat sich „Kontraste und Parallelen, Beibehaltung und Wandlung von Ausdrucksweisen“ vorgenommen. Das ist gleich zu Anfang hervorragend geglückt. Selten ist eine Schau im Offenbacher Klingspormuseum so bilderreich gewesen – und das auf höchstem Niveau – wie die zur Kunst Josef Hegenbarths und Kai Pfankuchs.

Der vor 125 Jahren geborene Dresdener Hegenbarth besuchte jedes Jahr Klingsporleiter Hans Halbey und seine Sammlung. Als DDR-Nationalpreisträger und Mitglied der Münchener Akademie der Schönen Künste durfte er reisen. Heute bewahrt das Museum wichtige Werke des zu NS-Zeiten diffamierten Einzelgängers, dessen Spätwerk in puncto Frische und Qualität alles Frühere übertrifft. Der Betrachter virtuoser Federzeichnungen, Aquarell- und Leimfarbenmalereien sowie klassischer Literaturdrucke entdeckt Bezüge zum Expressionismus, Kurioses, Groteskes und Märchenhaftes („Der Wolf und die sieben Geißlein“) und wunderbare Tierillustrationen.

Erstmals zu sehen sind skurrile Zeichnungen zu Edgar Allan Poes Schauererzählungen. In bewegten Darstellungen zu Mephisto läuft es einem kalt über den Rücken. Bei zart gesetzten oder kräftig über den Grund gezogenen Figurationen gilt Hegenbarths Bekenntnis: „Habe ich alles in mir zusammengetragen, so gehe ich ganz in dem Text auf und lebe in ihm.“

Besonders gern lebte er in der Welt des Zirkus. Pferde, Jongleure und Clowns bevölkern mit Löwen, Tigern und Elefanten die Manege. Beeindruckend: Pinselzeichnungen zur Sintflut, Geißelung Christi und Heilung des Aussätzigen. Fantastisch: Shakespeare-Adaptionen zum „Sommernachtstraum“ und „Sturm“. „Ach, schönes Luftgebild“, möchte man sagen und die „Geschichte eines Uhus“ im Bücherschrank besitzen.

Zu den Meisterwerken der 30er bis 50er Jahre setzt das Klingspormuseum einen zeitgenössischem Kontrapunkt, großformatig und malerisch: Kai Pfankuch und dessen Ikarus-Presse. Der 1949 in Berlin geborene Städelschüler aus Hofheim zählt in Malerei und Tuschzeichnung, Lithografie, Siebdruck und Radierung zu den besten seiner Zunft. Im Kaminzimmer ist eine Galerie moderner Dichter versammelt, denen man ihre Herkunft aus Pfankuchs unglaublicher Aquarelltechnik kaum abnimmt. Vibrierend dringen die Gesichtszüge von Kafka, Beckett, Camus, Ionesco, Celan und Proust aus tiefem Blau und Dunkelrot hervor.

In „Der Schlaf“ löst sich der Körper der Bildfigur ebenso auf wie bei der in Blau versinkenden „Figur im Wasser“. Gestalten aus Becketts „Residua“ und dem Sisyphos-Mythos, aus Kafkas „Urteil“ und „Der Bau“ oder Ionescos „Der Schlamm“ kommen aus surrealen oder alptraumhaften Räumen. Wie Michelangelo reiht Pfankuch Atlanten, lässt Geschöpfe wimmeln wie in „Metropolis“, versteinern wie „Im Bergwerk“ oder zappeln wie in Marguerite Duras’ Weltpanoptikum. Voller Ruhe und Spiritualität ist das blauviolette Kirchenschiff der Kathedrale von Reims. Die Doppelausstellung gehört zu den Kunstereignissen des Jahres! REINHOLD GRIES

„Joseph Hegenbarth und Kai Pfankuch“, Klingspormuseum Offenbach, bis 26. April Dienstag, Donnerstag, Freitag 10 bis 17, Mittwoch 14 bis 19, Samstag/Sonntag 11 bis 16 Uhr

Quelle: op-online.de

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