Im Garten Eden der Erinnerung

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Vision vom Krankenbett: Ronald Gudmundsson blickt als Robert Schumann auf märchenhafte Szenen zurück.

Sein Oratorium „Das Paradies und die Peri“ wollte Robert Schumann „nicht für den Betsaal, sondern für heit’re Menschen“ verstanden wissen. Von Axel Zibulski

Ein rein weltliches und ziemlich romantisches Sujet hat sich Schumann für sein 1843 uraufgeführtes Werk ausgewählt. Es geht um eine Peri, das ist ein Engel, der aus dem Paradies ausgeschlossen wurde, auf dass er „des Himmels liebste Gabe“ auf Erden finde.

Im Staatstheater Wiesbaden hatte nun eine szenische Aufführung Premiere, und Regisseur David Mouchtar-Samorai zeigt die Märchen, die jene Peri in Indien, Ägypten und Syrien erlebt, als Erinnerungen des Komponisten selbst. Er sitzt am Anfang und am Ende in einem klinisch weißen Raum, bewegt sich, auf einem Bett sitzend, nervös hin und her, wie es Schumann möglicherweise in seinen letzten beiden Lebensjahren in der Nervenanstalt Endenich selbst getan hat.

Ein Panzer rollt ins Bühnenbild

Auf der Bühne sehen wir gleich noch einen Schumann, als Kind, das selbst zum Protagonisten in jenen Erlebnissen der Peri wird. Es ist also nicht wenig Psychologie im Spiel. Und doch geht das Konzept, Schumanns träumerisch-orientalisches Stück in diesem Erinnerungsraum spielen zu lassen, erstaunlich gut auf.

Die weitgehend lyrische und jedenfalls ganz und gar undramatische Musik kontrastiert Mouchtar-Samorai mit teils drastischen Bildern. Im ersten Märchen, wo sich der junge Schumann einem despotischen indischen Herrscher in den Weg stellt, rollt ein Panzer ins weiße Bühnenbild von Heinz Hauser, im Ägypten-Bild, wo die Pest grassiert, fehlen den Darstellern auf der Bühne bereits die ersten Gliedmaßen. „Des Himmels liebste Gabe“ findet die Peri schließlich in Syrien, wo das Kind einen Verbrecher davon abbringt, ihn mit dem Dolch zu töten: Durch die Verlegung in Traum, Märchen und Erinnerung lässt sich die lose Szenen-Folge weitgehend schlüssig erzählen, und auch musikalisch ist die Aufführung überwiegend erfreulich gelungen. Trotz kleinerer Unschärfen auf Seiten der Blechbläser hält Dirigent Sébastien Rouland das Orchester des Staatstheaters Wiesbaden zu einem lichten, transparenten und kernigen Klang an.

Vokal eine Spur zu blass

In der Titelpartie der Peri ist mit Sharon Kempton eine eher dramatisch-herbe, trotzdem exakt und feinfühlig gestaltende Sopranistin zu hören, lediglich Jonas Gudmundsson bewegt sich als Robert Schumann vokal eine Spur zu blass und dezent durch dessen eigenes Oratorium.

Mit surrealem Clown-Quartett (Kostüme: Urte Eicker) und Ballett-Szenen (Choreografie: Andrea Heil) würzt Mouchtar-Samorai das auf anderthalb pausenlose Stunden gekürzte Oratorium. Das Staatstheater hat die Neuinszenierung aus Anlass des Schumann-Jahrs 2010 auf den Spielplan gesetzt; dann wird an den 200. Geburtstag des Komponisten erinnert. Dazu liefert die szenische Wiedergabe des Oratoriums, das auch konzertant nur selten zu erleben ist, gewiss einen reizvollen Beitrag. Nächste Aufführungen am 3. und 17. Dezember.

Quelle: op-online.de

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