Mit gebremster Tragik

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Na, hängt hier der Haussegen schief bei Golde (Katrin Gerstenberger) und ihrem Tewje (Monte Jaffe)?

„Wenn ich einmal reich wär’“, Lied des Milchmanns Tewje, ist der Evergreen aus dem Musical „Anatevka“, benannt nach einem fiktiven Dorf in der Ukraine, in dem vorwiegend Juden leben. Von Axel Zibulski

Da spielt jenes Erfolgsstück, das am New Yorker Imperial Theatre 1964 uraufgeführt wurde und dort in acht Jahren auf mehr als 3000 Vorstellungen kam. In seiner Darmstädter Inszenierung setzt Staatstheater-Intendant John Dew auf dezent folkloristische Ausstattung des Musical-Klassikers – und auf den leisen, bald verschmitzten, bald nachgiebigen Tewje des Amerikaners Monte Jaffe Tewje spricht und hadert mit Gott wie mit seinen fünf Töchtern, die ebenso Teil der Dorfbevölkerung sind wie seine Frau Golde, wie die meisten Rollen dargestellt von Sopranistin Katrin Gerstenberger. Überhaupt vereint Darmstadts letzte Musiktheater-Produktion dieser Saison nahezu alle Kräfte des Opernensembles auf der Bühne des Großen Hauses.

So gibt es durchaus Spiellaune einzelner, etwa des pragmatischen Rabbis von Lawrence Jordan oder der tratschlustigen Heiratsvermittlerin Jente von Stephanie Theiß. Dew setzt zu den dörflichen Kostümen von José-Manuel Vazquez und der Ziegelhütten-Bühne von Heinz Balthes auf szenischen Realismus. Auch deshalb kann er nicht verhindern, dass das Musical zur Revue wird.

So hängt das Ende merkwürdig am Geschehen dran, wenn es die Gemeinschaft nach Amerika oder ins Heilige Land treibt: Zwar ist im Buch Joseph Steins und in den Gesangstexten Sheldon Harnicks von Pogromen die Rede gewesen; zwar deuten sich auf der Bühne Spannungen zwischen Juden und Russen an. Doch es läuft nicht zwingend auf ein Finale zu, das damit in seiner Fatalität stumpf, in seiner Tragik gebremst wirkt: Tewje zieht mit Frau, den jüngsten Töchtern und einem großen Wagen von dannen, wie eine Klammer erscheint noch einmal jener „Fiedler auf dem Dach“, der dem Stück den Originaltitel gegeben hat und in Darmstadt bereits zu Beginn des gut dreistündigen Abends zu sehen war (Isabel Aguilera).

Nächste Vorstellungen am 30. Juni sowie am 26. und 30. September

Das Orchester lässt unter Leitung von Bartholomew Berzonsky die Musik von Jerry Bock zwar leichtflüssig federn und ausschwingen. Dennoch liegt gerade über den ausgedehnten Sprechpassagen manchmal eine gewisse Lähmung und Breite, zumal Dew eher dem vordergründigen Gag als dem tiefgründigen Witz vertraut. Immerhin konnte sich das Ensemble über langen Beifall freuen – „Anatevka“ scheint das Zeug zur Zugnummer zu haben!

Quelle: op-online.de

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