Gedanken beim Reden verfertigt

Frankfurt - Das erlebt ein Publikum nicht oft – dass ein Darsteller an die Rampe tritt und die „Freunde“ in den hinteren Reihen auffordert, entweder das Plaudern einzustellen oder den Saal zu verlassen. Von Markus Terharn

Ulrich Matthes hat es, sagt er, zuletzt 1985 getan, und jetzt im Großen Haus des Frankfurter Schauspiels. „Ich spiele für alle!“, betont er.

„Spielen“ ist das treffende Wort. Obwohl es sich um Briefe dreht, die des vor 200 Jahren in den Freitod gegangenen Heinrich von Kleist, kann von bloßer Lesung keine Rede sein. Bühnen- und Kinostar Matthes weiß die Texte praktisch auswendig, hält die Blätter eigentlich nur in der Hand, um sie sanft zu Boden gleiten zu lassen. Selten steht er vom Stuhl auf und geht ein paar Schritte, begleitet von Streichermusik und dezenten Lichteffekten. Mit sparsamer Gestik und Mimik macht er aus den quälenden Selbstbefragungen Kleists, der ein 34 Jahre kurzes Leben lang verstanden werden will, grandioses Sprechtheater.

Matthes gelingt das Kunststück, die Worte so auszustoßen, als fielen sie ihm eben ein. Das erinnert an die berühmte Kleist-Schrift „Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“. So schreitet er den mühsamen Weg eines Mannes ab, der lange nicht weiß, was er werden will: Beamter, Bauer, Offizier. Der sich spät zum Schreiben entschließt und mit Dramen sowie Novellen Weltliteratur schafft. Und der den Abschiedsbrief zur Gattung erhoben hat, gipfelnd in diesem erschütternden Satz: „Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war.“ Prasselnder Beifall feiert Ulrich Matthes, den Gast aus Berlin, der geholfen hat, Kleist zu verstehen.

Quelle: op-online.de

Rubriklistenbild: © pixelio.de/Gerd Altmann/Mirko_rg1024-ocal

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