Aus Geist des Jugendstils

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Wettbewerb: Schlösschen für einen Kunstliebhaber, Ansicht der Vorderfront (um 1904/05). Tuschfeder, Bleistift, Gouache und Sprühtechnik auf Velin

Darmstadt - Es gibt einen unbekannten Ernst Ludwig Kirchner vor dem berühmten Maler und Zeichner (1880-1938). Von Reinhold Gries

Dessen zwischen Jugendstil und Moderne zu lokalisierende Architekturentwürfe und Baupläne auf der Darmstädter Mathildenhöhe wirken, als hätte der Aschaffenburger zu der Künstlerkolonie des Großherzogs Ernst Ludwig gehört. Die im Museum Künstlerkolonie erstmals gezeigten Bleistift- und Federzeichnungen, meist mit Deck- oder Aquarellfarbe koloriert oder weiß gehöht, stammen aber aus seiner Studienzeit in Dresden und München (1901 bis 1905). Kirchner war diplomierter Architekt und Ingenieur, ehe er sich expressiver künstlerischer Leidenschaft verschrieb.

In den einstigen Künstlerwerkstätten des Ernst-Ludwig-Hauses kommen Besucher aus dem Staunen kaum heraus: Von teils nie gezeigten Gouachen und Aquarellen zu aufwändiger Raumgestaltung mit Möbeln, Lampen und Wandornamentik geht es zur Diplomarbeit, dem Entwurf einer Friedhofsanlage. Die Draufsicht auf die Gräberfeldeinteilung wirkt, als wäre sie einem konstruktiven Farbfeldbild entnommen. Kolorierte Entwürfe eines Herrenzimmers samt innovativer Erkerwand, jugendstilhafte Entwürfe für eine Bibliothek, ein Rauchzimmer oder ein großzügiges Hotel können gar nicht von Kirchner sein – denkt man.

Wettbewerbsarbeit für ein Schlösschen verblüfft

Selbstbildnis mit Hut (1905)

Sie sind es genauso wie grün-rot aquarellierte Entwürfe für eine herrschaftliche Mietvilla, vornehme Fluchten eines Landhauses, pittoreske Ansichten eines Wohnhauses am Hang. Die Wettbewerbsarbeit für ein Schlösschen verblüfft. Da wankt die Vorstellung von einer plötzlichen expressionistischen Kunstrevolution im Gegensatz zu ornamentalem Jugendstil. Geometrische Studien und diffizile Ornamentübungen zeigen, dass sich Kirchners Formensprache – wie die seiner architektonisch vorgebildeten „Brücke“-Kollegen Ernst Heckel und Fritz Bleyl – aus freier werdenden Ornament- und Architekturskizzen des Jugendstils entwickelt hat. Auch bei vorexpressiven Körperstudien ist dies augenfällig.

Bei genauem Hinsehen ist indes kirchnertypische Liniendynamik zu entdecken, vor allem bei den Skizzen für sich selbst, ohne Vorlagezwang angefertigt – bei der dynamischen Perspektive eines Viertelkreiserkers, der Schrägansicht eines Deckenlüsters oder dem wie eine Munch-Skizze wirkenden Entwurf für ein Speisezimmer. Wandschrankpanoramen verraten vitale Zeichenrhythmik, die dekorative Tänzerinnenfigur eines Speisezimmers löst sich in vibrierende Linien auf.

„Ernst Ludwig Kirchner als Architekt“ im Museum Künstlerkolonie, Mathildenhöhe, Darmstadt. Geöffnet von Sonntag an bis 8. Januar 2112: Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr

Verstandesbestimmte, geschmackssichere Vorlagen dominieren. Kirchner hatte gute Lehrer wie den Reichstagserbauer Paul Wallot und den Hamburger Stadtbaumeister Fritz Schumacher. Elegante Jugendstilideen der Darmstädter Vorzeigearchitekten Peter Behrens oder Joseph Maria Olbrich haben ihn beeinflusst, ebenso Erich Mendelsohn. Das architektonische Frühwerk Kirchners hat der Mathildenhöhe-Direktor Ralf Beil ans Licht geholt, um Klischees in Frage zu stellen. Das ist gelungen!

Quelle: op-online.de

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