Hildegard weiß Wege zu Wellness und Wohlstand

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Im Zwiegespräch mit Hildegard von Bingen (Ricarda Klingelhöfer) lernt Dorothea Hans (Kate Schaaf): Jedes Ding hat seine Zeit. Und: Wisse die Wege.

Frankfurt - Unfähige Ärzte sind seit Molière ein beliebter Komödienstoff. Gemessen an all den Kurpfuschern, Quacksalbern und Scharlatanen, die das Werk des Franzosen bevölkern, können ganzheitliche Verfahren wenig Schaden anrichten. Von Markus Terharn

Obwohl: So brachial, wie Dorothea ihre Freundin zurechtbiegt, wäre sie für Verhöre in Guantánamo zu gebrauchen! Meist freilich genügt es, wenn die junge Frau Hände auflegt und Steine kreisen lässt, und die Wehwehchen sind fort.

„Die Geistheilerin“, von der vielgelesenen Romanautorin Annegret Held eigens fürs Volkstheater Frankfurt geschrieben, ist dort in der Bearbeitung und Regie der künstlerischen Leiterin Sylvia Hoffman zur Uraufführung gelangt. Um Spaß zu haben, muss übrigens niemand an Übersinnliches glauben: Geschickt lässt die Inszenierung in der Schwebe, ob die Titelfigur tatsächlich mit der mittelalterlichen Nonne und Mystikerin Hildegard von Bingen kommuniziert oder ob die Zwiesprache nur ihrer Fantasie entspringt.

Mehr als von der etwas vorhersehbaren Handlung – mittendrin versagen Dorotheas magische Fähigkeiten; am Ende gibt es drei Paare – lebt dieses Stück von prallen Charakteren. Mit den Darstellern haben Menschengestalterin Hoffman und Assistentin Natascha Retschy intensiv geprobt. Ergebnis ist eine stimmige Personenführung.

Nie auf den Mund gefallener Gatte

Kate Schaaf lässt die Kundige ohne Kassenzulassung über den eigenen Erfolg stöhnen, nachdem an dieser vermeintlichen Spinnerei fast ihre Ehe zerbrochen wäre. Als derber, nie auf den Mund gefallener Gatte überzeugt Ivan Vrgoc. Für die verzweifelt einen Mann suchende Pauline, der Julia Schneider eine schwache Blase und rührend naive Züge mitgibt, findet sich der bodenständige Lorenzo, von Emanuel Raggi sympathisch angelegt.

Sonderlob gebührt drittens Jochen Nix, als älterer Gallenpatient charmant auf Freiersfüßen wandelnd. Zweitens Ricarda Klingelhöfer, als multipel Leidende komisch kuriert durch die Erkenntnis, im früheren Erdenwallen ein Folterknecht gewesen zu sein. Und erstens Anette Krämer, die sich mit Mordsmaul und Mutterwitz als Ersatzmedium für ihre Tochter versucht und ihr Aussehen im spiegelnden Kehrblech prüft...

Wie an der Liesel-Christ-Bühne üblich wird kerniges Hessisch gebabbelt, wird zwischen Offenbach-Bieber und Bad Vilbel Regionalkolorit erzeugt. Gerhard Wegers Kulisse verwandelt sich von der Klitsche mit klappriger Liege ins Gesundheitszentrum mit Stahlrohrpritsche. Die Kostüme von Bärbel Christ-Heß und Andreas Stöbener-Koch reichen vom Esoterikschick über die Handwerkerkluft bis zum Flittchenfummel. Und eine spukhafte Szene um Dorothea und Hildegard löst das Licht elegant auf. Auf dem Spielplan bis 4. Februar 2012.

Quelle: op-online.de

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