Geliebte bedrohte Natur

+
Auf die Landschaftsmalerei des Engländers William Gershom Collingwood, der 1897 Island bereiste, beziehen sich Falur Ingólfssons „ Saga Steads“.

Frankfurt - Bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts priesen Islands Fotografen die Schönheit der Landschaft. Sie wollten die Werbetrommel für das von der dänischen Krone abhängige, gering bevölkerte, arme Fischerei- und Agrarland rühren. Von Sibylle M. Derr

Heute ist der Inselstaat technisch hoch entwickelt, unter den 320.000 Bewohnern des Buchmesse-Gastlandes soll es mehr Künstler geben als anderswo. Den Auftakt zum Kunst- und Kulturprogramm „Sagenhaftes Island“ bilden zwei sehenswerte Ausstellungen im Kunstverein Frankfurt: Die mit „Grenzen anderer Natur“ getitelte Gruppenschau zeitgenössischer Fotokunst und Ragnar Kjartanssons „Endlose Sehnsucht, ewige Wiederkehr“.

Auf der Biennale in Venedig sorgte Kjartansson 2009 mit einer Dauerperformance für Aufsehen. Auch in Frankfurt löst der 35-Jährige mit seiner ersten Einzelschau in Deutschland ein Wechselbad der Gefühle aus, schlüpft mal in die Rolle des Ritters, mal des Sängers, mal des Muttersöhnchens, das sich von seiner Schauspieler-Mutter bespucken lässt.

Sechs kleinformatige Fotografien („Scandinavian Pain“) zeigen, wie sehr Kjartansson in der europäischen Landschaftsmalerei verwurzelt ist, ganz klassisch hat er die Ansicht eines Hauses komponiert, das auf dem Dachfirst die Leuchtreklame „Scandinavian Pain“ trägt. Es wird von Zweigen eines Baumes umrahmt und ist in dichten Nebel gehüllt. Kjartansson empfindet sich als Romantiker, der Melancholie und Humor in sich trägt.

Sechs Stunden lang auf einem Podest Gitarre gespielt

Für seine „Song“-Performance, hat er seine drei Nichten gebeten, sechs Stunden lang auf einem Podest im Athener Pantheon Gitarre spielend zu singen, bis sie mit dem Worten „ohne Schlaf keine Träume, ohne Träume keine Träume von der Liebe, von der Liebe, von der Liebe, von der Liebe“ in ihre stahlblauen Plumeaus sinken. Sein 49-minütiges Video „The Man“ zeigt einen 97-Jährigen, der vor der Kulisse eines Rohbaus den Mississippi-Blues spielt, dabei Zigarre raucht und Whisky trinkt. Kjartansson verarbeitet Elemente der bildenden Kunst, der Musik und des Theaters. Er setzt bewusst Zeitschleifen und Wiederholungen ein und knüpft an die Tradition der Handlungsperformance eines Bill Viola der 1970er Jahre an.

Ragnar Kjartansson lässt den Mississippi-Blues spielen.

Der komplexen Beziehung der Isländer zur Umwelt spürt die Gruppenschau von neun Foto-Media-Künstlern nach, Schattenseiten einer mit landschaftlichen Reizen gesegneten Insel. So rückt Pétur Thomsen für seine Serie „Imported Landscape“ das Wasserkraftwerk „Kárahnjúkar“ ins Bild, dessen Stausee das größte Naturreservat vernichtet. Die großformatigen, Schwarzweiß-Arbeiten haben dennoch einen eigenen ästhetischen Reiz. Eine sehr viel poetischere Bildsprache entwickelt demgegenüber seine Landsmännin Katrin Elvarsdóttir. Wie Zeugen eines schleichenden Waldsterbens setzt sie verrottete und entwurzelte Bäume ins Zentrum ihrer großformatigen Inkjet Prints und verleiht ihnen in Nebelschwaden eingehüllt etwas geheimnisvoll Romantisches.

Zwischen Landart und Fotografie bewegt sich die Landschaftsskulptur „Mother Earth“ der Iceland Love Corporation mit einer dreieckigen Play-Taste. In der Tradition der US-Fotografie stehen die Arbeiten die Filmemachers und Fotografen Spessi.

Bis 16. Oktober im Kunstverein Frankfurt, Römerberg, Öffnungszeiten: Dienstag, Donnerstag und Freitag 11-19 Uhr, Mittwoch 11-21 Uhr, Samstag und Sonntag 10-19 Uhr

Die Gruppenschau des Fotografie Forum Frankfurt wird zur visuellen Erzählung der Landschaft Islands, ihrer Weite, ihrer Erhabenheit, aber auch ihrer drohenden Zerstörung. Nicht zuletzt befriedigt die Ausstellung auch die Sehnsucht nach dem echten Landschaftsbild: Der englische Maler William Gershom Collingwood war 1897 durch ganz Island gereist, um Orte zu malen, die in den isländischen Sagas beschrieben sind. Auf ihn beruft sich Einar Falur Ingólfsson mit seiner Serie „Saga Steads“.

Quelle: op-online.de

Kommentare