Spektakuläre Schau im MAK Frankfurt zeigt Mobilar von André Charles Boulle.

Aus Gemächern des Sonnenkönigs

Wer spricht nach dem Betreten der luxuriösen MAK-Inszenierung, gestaltet vom chilenischen Innenarchitekten Juan Pablo Molyneux, noch von knappem Geld?

Es verschlägt eher die Sprache, was unter präsidialer deutsch-französischer Schirmherrschaft von Nicolas Sarkozy und Horst Köhler zur weltweit ersten Retrospektive des berühmten Möbelkünstlers André Charles Boulle (1642-1732) zusammengetragen worden ist. Die neubarock inszenierte Raumgestaltung mit silber- und goldglänzenden Schränken und Kommoden, aufwendig ornamentierten Pendulen und Lüstern sowie Riesengobelins der „Königsserie“ vor dunkelblauem Seidentapetenimitat entführt in Galerien des Louvre, nach Versailles, Sanssouci, Stockholm und in St. Petersburgs Eremitage. Aus dortigen königlichen Sammlungen stammen viele der erlesenen Exponate, zur Zeit des französischen Sonnenkönigs Ludwig XIV. und der Regence nach 1700 für ganz Europa stilbildend.

Einiges davon hat das „Boulle Project Paris“ für die Frankfurter Weltpremiere neu entdeckt und restauriert oder erstmals dem „Ebenisten“ Boulle und seiner Werkstatt zugeschrieben. „Werkstätten“ müsste es heißen, was der zu Lebzeiten hochbegehrte Entwerfer, Kunsttischler, Zeichner und Skulpteur mit dem deutschstämmigen Vater Johann Bolt und seinen vier Söhnen in der Grand Gallerie des Louvre und an der Seine betrieb. Über mangelnde Aufträge aus überreichen Aristokraten- und Adelshäusern Europas konnte sich das florierende Familienunternehmen nicht beklagen. Hatte doch der ebenso musenbegeisterte wie verschwenderische Sonnenkönig Eleganz und Luxus zum Staats- und Außenwirtschaftsprinzip ausgerufen, während sein Staatsminister Colbert ab 1667 neben gewaltigem Schlossprojekt in Versailles für ein „Paris der Lichter“ sorgte: Allabendlich wurden die Kerzen von 2 736 Laternen entzündet.

So hatte Boulle immer genügend Licht, um bis ins hohe Alter Ideen aufs Zeichenpapier zu bringen und neue Techniken der Verzierung und des Möbelbaus zu entwickeln. Angeregt durch die „Tulpomanie“ und Stillleben, setzte er Blumenornamente in fantastische Intarsien aus Ebenhölzern, Silber, Zinn, Messing und Schildplatt um.

Boulle und Söhne waren die ersten, die alle Materialien mischten, Bronzefiguren versilberten und vergoldeten. Fürs königliche „Bureaux“, das Boudoir oder den Salon entwickelten sie innovative Schreibtische mit acht Beinen, Halbschränke und Kommoden. Im MAK sieht man all diese „barocken“ Möbeltypen in kostbarster Ausführung, das aber eher in antikisierenden Boulle-Renaissancestil mit Göttern, Helden und Atlanten.

Manches wirkt wie ein Vorgriff auf den Klassizismus, nicht nur am über zweieinhalb Meter hohen Schrank mit diffiziler Blumenmarketerie, Vögeln und Schmetterlingen. Die edlen Münzschränke mit den Schubfächern und die ziselierten wie vergoldeten Halbschränke mit Deckplatten aus türkischblauem Marmor wirken zuweilen ebenso exotisch wie säulenartige Paare von „Piedestalen“ und Schreibtische mit Indianerinnen- und Daphneköpfen. Heute wie damals fast unbezahlbar die Kabinettsschränke mit ihren Geheimfächern, Trumeautische mit Satyrköpfen, „Cartonnieren“ mit Bekrönungen, figurenreiche Pendulen mit eingebauten Thermo- und Barometer. Bei Boulle u. Co. sowie ihren royalen Auftraggebern ging es auch um den Gesamteindruck. Konsolen, Sockel, Lüster und Kandelaber hatten sich dem absolut(istisch)en Formwillen ebenso unterzuordnen wie Tischkultur mit silbernen „Mundkellern“.

REINHOLD GRIES

P„André Charles Boulle – Ein neuer Stil für Europa“ im MAK Frankfurt bis 31. Januar 2010, Geöffnet: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr, Mittwoch bis 21 Uhr.

Quelle: op-online.de

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