„Heimat“-Bilder von Anja Hantelmann im Haus der Stadtgeschichte

Gemalte Befindlichkeit

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Verloren wie die entlaubte Birke wirken zwei Spaziergänger in der Winterszene am Mainbogen.

„Heimat“ – Was ist das eigentlich? Ort der Kindheit, Feld der Erinnerungen, Ziel unserer Sehnsüchte oder gar Utopie? Literarische wie biografische Reflexionen dazu gibt es in Hülle und Fülle. Die Offenbacher Malerin Anja Hantelmann hat sich inspirieren lassen und Bilder daraus gemacht. Von R. Gries

„Was Heimat ist, das merkt man erst, wenn man sie verloren hat“, meint die zwischen Bürgel und Bieber pendelnde Künstlerin, die von Ortswechseln zu berichten weiß: In Hamburg geboren kam sie über Konstanz und den Starnberger See nach Bieber. Studienjahre führten sie von der Offenbacher HfG zum Polytechnikum Manchester und zur Kunsthochschule Saarbrücken.

„Anja Hantelmann: Heimat“ bis 28. Juni im Haus der Stadtgeschichte Offenbach.

Geöffnet: Dienstag, Donnerstag und Freitag von 10 bis 17 Uhr, Mittwoch von 14 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag von 11 bis 16 Uhr.

Schaut man sich ihre aus selbst gefertigter Eitempera gemalten Studien und Großformate auf Nessel und Papier an, spürt man, dass sie weiß, wovon sie spricht. „Fast angekommen“ in bundesdeutscher Wirklichkeit sind ihre eingewanderten Großeltern am sommerlichen Gartentisch. Da kommen heimelig wirkende Gasflammen des Herdes ins Spiel, Einweckgläser am Fenster oder eine alte Couch auf dem Dachboden, in tiefes Grün getaucht.

Bunt bestickte Tischdecken und verwinkelte Treppengeländer wecken Gefühle an verlorene Paradiese der Geborgenheit. Kommen porträtierte Personen ins Bild, fühlt man sich eingeladen, bei ihnen Platz zu nehmen: am Tisch bei Hantelmanns ungenannter Freundin, der „Apfelschälerin“, die dem stillen Schälen große Würde verleiht, ober bei einem Freund („Zu Hause zu Gast“), der zwar am wärmenden Ofen und nährenden Kühlschrank sitzt, aber ratlos dreinblickt.

Zuweilen scheint es so, als würde man im eigenen Familienalbum blättern. Und dann ist da die andere Seite der Heimat. „Wie früher“ steigt ein Mädchen einsam Treppenstiegen hinauf. Verlorener noch das menschenleere Treppenhausbild „Fünf Jahre 81 Stufen“. Verluste zeigt auch das Temperagemälde „Seit dem letzten Jahr“: ein zuvor üppig eingewachsener Maindamm verliert sich nun monoton geplättelt in leergeräumter Landschaft. „Von dort kommen – nach dort gehen“, selbst die Weggabelung lässt Fragen offen. Beim Blick an die Decke „Vom Bett aus“ kommen zunehmend Trauer und Desorientierung auf.

Hantelmann widmet sich fast neoromantisch dem klassisch-europäischen Thema Landschaft. In unberührtem Flusspanorama öffnet sich eine Rheinlandschaft, die mehr als Sehnsucht wirkt, denn als vorgefundene Wirklichkeit. Aus novembergrauer Sicht wirkt die entlaubte Birke des Bürgeler Mainbogens ebenso kahl wie die triste Szenerie mit einsamen Spaziergängern. Zur Landschaft gerät bei der diffizil modulierenden und subtil nuancierenden Bildermacherin selbst im Wind flatternde Wäsche („Waschtag“). Fast unbeschwert diese Sujets, lehnte nicht ein Mädchen mit dem Gesicht zur Wand. Spielt es Verstecken oder schaut es auf seinen Schatten? Hantelmann gelingen wohlüberlegte wie intuitive Annäherungen an unser aller Befindlichkeit.

Quelle: op-online.de

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