Gemeinsame Sprache

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Zwischen Rettungsboot und rotem Theaterstuhl mutiert Bettina Bruinier von der Regisseurin zur Darstellerin.

Als Gesprächsort hat Bettina Bruinier ein Boot auf dem Main vorgeschlagen. Zum einen hat sie im Sommer Segeln gelernt und eine Affinität zum Wasser. Zum anderen ist eine Bootsfahrt eine schöne Gelegenheit, vom Theater weg- und noch etwas Sommer mitzubekommen.  Von Astrid Biesemeier

Bruinier, neue Hausregisseurin im Schauspiel Frankfurt, probt für ihre Premiere „Stadt aus Glas“ nach dem Roman von Paul Auster. Daher verbringt sie viel Zeit auf Probebühnen ohne Tageslicht.

Auf dem Boot steht einer der neuen roten Stühle, die ab dieser Spielzeit im Schauspielhaus das Publikum erwarten. In Sekundenschnelle wird das Hinterdeck zur kleinen Probebühne. Die Regisseurin sieht mit einem Blick, was fotografisch in Szene gesetzt werden will – das Rettungsboot. Bruinier, gewohnt, Spielangebote von Mimen zu bekommen, probt selbst sofort gut gelaunt alle möglichen Verrenkungen und Positionen zwischen Rettungsboot und Theaterstuhl. Und offenbar denkt sie ständig in Bildern, Zeichen, Szenen und Bedeutungen, denn sie fragt lachend: „Versteht man die Haltung? Denkt man da nicht an Treibholz?“

An Treibholz denkt kaum jemand bei der agilen jungen Frau. Allenfalls daran, dass sie ein Nomadenleben hinter sich hat und daher in der nicht immer bequemen Haltung der Vorläufigkeit erprobt ist. Bisher arbeitete Bruinier, 1975 im Taunus geboren, als freie Regisseurin unter anderem am Deutschen Theater Berlin und am Staatsschauspiel Dresden.

In ihrer neuen Rolle als Hausregisseurin gefällt sie sich

Das Leben als freie Regisseurin bedeute, fast alle zwei Monate an einem anderen Ort zu sein und neben der langen Arbeitszeit am Theater mit immer anderen Schauspielern auch so banale Dinge, wie ein Internetcafé, ein gutes Kino oder Orte zum Spazierengehen zu finden. An ihrer neuen Rolle als Hausregisseurin gefällt Bruinier „die Chance, mich tiefer mit dem Ensemble, dem Haus, der Stadt und nicht zuletzt mit mir als Regisseurin auseinanderzusetzen“.

Auf die Frage, was sie gern inszenieren würde, könnte sie es sich aussuchen, antwortet sie wie aus der Pistole geschossen: „ Stadt aus Glas !“ Darin geht es um den Krimiautor Daniel Quinn, der nach dem Tod seiner Frau und seines Sohnes keinen Sinn mehr im Leben sieht und sich in die Einsamkeit zurückzieht. Da bekommt Quinn einen geheimen Auftrag, schlüpft in die Rolle eines mysteriösen Privatdetektivs namens Paul Auster und landet so in einer Mission, die undurchsichtiger und komplexer ist als jeder seiner Krimis.

Es ist Detektivgeschichte, Verschwörungsgeschichte, eine Geschichte über Sprache. Über einen Mann, der versucht, sich selbst zu entkommen, und sich immer weiter in seinem Labyrinth verirrt. Bruinier findet: „,Stadt aus Glas’ ist ein wahnsinnig reichhaltiges, seltsames Großstadtmärchen.“ Sie interessiert, was man mit Sprache fassen, wie man über Sprache in Kontakt treten kann. Und die Frage, ob man je gemeinsam eine Sprache finden und wirklich miteinander sein kann. Und da es um Parallelwelten geht, auch diese Fragen: Was ist Innen? Was ist Außen? Was ist Realität, was Traum, was Fiktion?

Und das, worum es auch im Theater geht: „Stadt aus Glas“ handelt vom Geschichtenerzählen, von der Frage, wie man Welten entstehen lässt. Einen Preis für Welterkundung hat sich die Regisseurin mit ihrem Vorschlag, das Gespräch auf dem Schiff zu führen, ja schon verdient!

Quelle: op-online.de

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