Genrebilder mit Genie der Notlüge

„So nimm, Gerechtigkeit, denn deinen Lauf“ – dies sollte das gemeinsame Ziel von Dorfrichter Adam (Walter Renneisen, links) und Schreiber Licht (Stefan Schneider) sein. Foto: Seuffert

Klumpfuß voran, so klettert Dorfrichter Adam herab. Über die Leiter gelangt er in eine niedrige Tenne, die emsiges Gesinde mit flinken Handgriffen, Schinken gegen symbolisches Rad tauschend, in seinen Gerichtssaal verwandelt. In rustikalerem Ambiente ist selten Recht gesprochen worden.

Aber für Justitia ist das niederländische Huisum ein Notstandsgebiet. Es sieht aus wie auf den Genrebildern eines David Teniers. Aber das Gesetz wird gebeugt, bis sich die Balken biegen. Und die Zuschauer – vor Lachen.

Regisseur Klaus Wagner hat Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“ im Fritz-Rémond-Theater Frankfurt auf knarrende Bretter gestemmt, die eine enge Welt bedeuten. Dieter Stegmanns Guckkasten ist nach fünf Seiten hin strikt begrenzt. Hochgesetzte Fenster lassen den Blick nicht weiter als bis zur Straße schweifen. Ulla Röhrs’ historische Kostüme verdeutlichen den Stand der Personen. Vor diesem Horizont rollt eine Geschichte ab, die das Zeug zur Tragödie gehabt hätte, was in dieser Inszenierung bloß am Rande interessiert. Wagner setzt auf Komödie – und hat dafür die richtigen Schauspieler.

Allen voran Walter Renneisen, der mit Glatze, Wunden an Stirn und Hinterkopf sowie bejammernswertem Hinken eigentlich nur an seiner Stimme zu erkennen ist. Und an seiner mimischen Kunst: Die Paraderolle großer Charakterdarsteller scheint ihm auf den hibbeligen Leib, auf die geläufige Zunge geschrieben. Wie er sich windet, im Nacken die denkbar ungelegene Revision, vor sich Kläger und Beschuldigte; wie eine Notlüge die andere gebiert, wie er den anderen das Wort im Mund verdreht: Das ist großes Theater!

Wer ihn wirklich zerbrochen hat, den Krug, dürfte sich in mehr als 200 Jahren herumgesprochen haben. So bezieht die Aufführung ihren Reiz nicht aus der Tätersuche, sondern aus dem Versuch ihrer Verhinderung. Es macht Spaß, dem alten Adam bei der allmählichen Verfertigung seiner Gedanken beim Reden zuzuhören. Aber es lohnt sich auch, die anderen Figuren zu studieren.

Da ist Gerichtsrat Walter, in die Provinz entsandt, um das Wirken der Justiz zu prüfen. Martin Gelzer gibt ihn erst würdevoll, dann zunehmend gereizt, zwischendurch mild ironisch und immer wieder autoritär. Ganz anders der Schreiber Licht, dem Stefan Schneider unterwürfige Beflissenheit und freundlichen Diensteifer verleiht. Leicht zu erkennen, dass er hofft, Richter zu werden.

Klägerin Marthe Rull, von Regine Vergeen mit gewissem Mutterwitz ausgestattet, aber als eher beschränkte Frau angelegt, will eigentlich nur, dass dem Krug Gerechtigkeit widerfährt. Sie ahnt jedoch, dass in Wahrheit die Ehre ihrer Tochter Eve verhandelt wird. Deren Zwiespalt schildert Eva Kruijssen sehr anrührend, mit angemessener Verzweiflung. Denn wie soll sie ihrem Bräutigam Ruprecht erklären, warum sie den Namen ihres nächtlichen Besuchers nicht preisgibt? Zumal der Verlobte in der Interpretation Benedikt Selzners ein temperamentvoller, doch beschränkter Kerl ist; so wie sein Vater, den Udo Striegel einen einfältigen Bauern sein lässt. Da braucht es schon die Muhme Brigitte, bei Bettina Franke eine naive, teufelsgläubige Augenzeugin, um die Sache zu entwirren ...

Beträchtlichen Anteil am Vergnügen des Premierenpublikums hat Kleists Sprache, in biegsamen, geschickt aufgelösten Versen mit einprägsamen Sätzen wie diesem prunkend: „Wir wissen hier zu Land nur unvollkommen, was in der Hölle Mod ist.“ Entsprechend vielseitig wird sie eingesetzt, immer gut für einen Lacher. Einzig Renneisen ist im Bemühen um wechselhaften Ausdruck mitunter schlecht zu verstehen.

Zweieinviertel Stunden vergehen wie im Flug, trotz der vom Autor nicht vorgesehenen Pause in dem Einakter. Bei der Weimarer Uraufführung hatte der Regisseur, Johann Wolfgang von Goethe, durch eine Unterteilung in drei Akte den Spannungsbogen zerstört. Hier ist er rund!

MARKUS TERHARN

Weitere Vorstellungen bis 19. April

Quelle: op-online.de

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