„Das Winterhilfswerk als Instrument des NS-Regimes“

Gut geölte Maschinerie in Aschaffenburg

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Papierblumen für das Winterhilfswerk wurden von Hand gefertigt, wie die Aufnahme aus dem Jahr 1934 zeigt.

Aschaffenburg - „Helft uns helfen!“ appellierten Wohlfahrtsverbände wie Caritas und das Deutsche Rote Kreuz 1931 und gründeten das „Winterhilfswerk“ (WHW), um mit Geld, Lebensmitteln, Kleidern, Holz und Kohle gegen Verelendung in späten Weimarer Jahren anzugehen. Von Reinhold Gries 

Denn nach der Weltwirtschaftskrise von 1929 bestimmten Arbeitslosigkeit, Armut, Wohnungsnot und Hunger den Alltag vieler - in Großstädten wie in „Notstandsgebieten“ des Bayerischen Waldes, der Rhön oder des Spessarts. Das städtische Schlossmuseum Aschaffenburg führt hinein in diesen sozialen Sprengstoff, der die Nationalsozialisten an die Macht brachte. Und zeigt an Dokumenten wie Artefakten, wie 1933 auch das Winterhilfe-Sozialwerk gleichgeschaltet wurde.

Die unterfränkischen Initiatoren öffnen dazu eine unbekannte, zuerst gar nicht martialisch anmutende Welt von Plaketten und Spendenabzeichen, in Reih und Glied vollständiger Sammelsätze von 1933-43 ausgebreitet: Stickereien aus dem Vogtland, Holzfiguren aus dem Erzgebirge, Kunstharz-Narzissen aus der Elfenbeinstadt Erbach, Ansteckblumen aus Papier mit dem Zusatz „Unter Naturschutz, Pflücken verboten“, Halbedelsteine aus Idar-Oberstein auf Tier-Ansteckern aus Aluminium. In Glas oder Kunststoff zu sehen auch große Deutsche wie Tilman Riemenschneider, Johann Wolfgang von Goethe, Ulrich von Hutten, Walther von der Vogelweide, Friedrich der Große oder Gottfried Daimler. Dazu Porzellanfigürchen mit Märchenmotiven und Trachten neben Vögelchen und Schmetterlingen…

Das war auch das Gesicht der gut geölten NS-Propagandamaschinerie, die scheinbar bürgerlich auf solche Werte baute, um „Volksgemeinschaft“ zu fördern. Und dabei den Sammeltrieb ansprach. Beim weiteren Rundgang erschließt sich das Perfide dieser Strategie - nicht nur bei „Winterhilfe“-Ansteckern in Bomben- und Granatenform oder Aufkleber-Losungen wie „Opferwille entscheidet“ oder „Seid Sozialisten der Tat“ unter dem Konterfei des Preußenkönigs. Auf Fotos sieht man auch idealistische Ehrenamtler mit WHW-Sammelbüchse. Doch große Haus- und Straßensammlungen standen ebenso unter Aufsicht wie staatlich verordnete „Eintopftage“, deren Einhaltung überprüft wurde.

Anstecker, Spendenabzeichen und mehr

Anstecker, Spendenabzeichen, Quittungen und Zahlscheine dienten wie Aufkleber an der Haustür als vorzeigbare Nachweise. Sonst waren Repressalien zu befürchten. Dazu Kindheitserinnerungen eines 1928 geborener WHW-Sammlers: „Man hatte Angst, sich zu verweigern. Das Regime hat allgemein Angst verbreitet nach dem Motto: Wer nicht mitmacht, ist dagegen“. Mit der Entscheidung, wer „Winterhilfe“ erhielt und wer nicht, wurde Wohlverhalten gesteuert. Grundsätzlich wurden nur „erbgesunde“ und „rassisch erwünschte“ Menschen unterstützt. Bettler und Obdachlose, die um Spenden baten, wurden in Razzien verhaftet - auch um Spendenkonkurrenz auszuschalten.

„Das Winterhilfswerk als Instrument des NS-Regimes“ bis 2. Februar im Schloss Aschaffenburg Geöffnet: Dienstag bis Sonntag von 10-16 Uhr

Von Aushängen, Plakaten, Wandzeitungen und Werbetafeln vorbereitetes Sammeln, Spenden und Verteilen von Hilfsgütern wurde öffentlich inszeniert und durch Presse, Rundfunk und Kino-Werbefilme verbreitet. Allen voran Hitlers alljährlicher WHW-Auftakt, Signal für die WHW-Arbeitsgruppen, in Gauen, Kreisen und Ortsgruppen organisiert wie die NSDAP.

Quelle: op-online.de

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