Gut gepflegter Gemischtwarenladen

Frankfurt - Eine programmatische Leitlinie hat Dieter Buroch, zum Jahreswechsel scheidender Gründungsintendant des Frankfurter Mousonturms, über 23 Jahre hinweg nicht gehabt – es sind mehrere. Von Stefan Michalzik

In seinen Anfängen definiert der Mousonturm sich als Haus, das sich den regional verwurzelten Freien Gruppen aus dem Geist der Nach-68er-Jahre nicht nur als Spielstätte, sondern auch als Produktionsort zur Verfügung stellt, nicht zuletzt mit dem Ansinnen eines Professionalisierungsschubes. Heute um 11 Uhr wird Buroch im Römer verabschiedet.

Buroch, der seine Ambitionen als Maler hintangestellt hat, um sein organisatorisches Talent anderen zur Verfügung zu stellen, will Künstlern optimale Bedingungen verschaffen. Zugleich hat er von Anbeginn an internationale Theater- und Tanzensembles eingeladen. Kabarett und Konzert, vor allem Jazz, machen aus dem Haus einen sehr gepflegten kulturellen Gemischtwarenladen.

Zahlreiche prägende Künstler gefördert

Bei einer gewissen Mischung des Programms ist es bis heute geblieben, derweil sich die Schwerpunkte immer wieder verlagert haben. Stets ist es darum gegangen, auf aktuelle Tendenzen und zugleich auf Veränderungen in der Kulturszene der Stadt zu reagieren. In den 90er Jahren spielt der Tanz eine zentrale Rolle. Unter Leitung des portugiesischen Choreografen Rui Horta wird das hauseigene Tanzensemble S.O.A.P. Dance Theatre aufgebaut. Als Ende der 90er ob der Einsparungen im städtischen Kulturetat das Theater am Turm seinen Spielbetrieb einstellen muss, verlagert der Mousonturm unter seiner damaligen künstlerischen Leiterin Christine Peters das Gewicht zu jenen performativen Theaterformen, für die sich das TAT zuvor unter Intendant Tom Stromberg geöffnet hat.

Und als 2004 das von William Forsythe gegründete Ballett Frankfurt aufgelöst worden und die Situation für Bühnentanz in der Stadt immer schwieriger geworden ist, richtet der Mousonturm seinen Fokus stärker in dieser Richtung aus. Wieder wird eine Tanzcompagnie ans Haus gebunden, Kidd Pivot RM mit der kanadischen Choreografin Crystal Pite.

Das Prinzip ist praktisch das eines ganzjährigen Festivals in aller Vielgestaltigkeit. Manches ist rasch vergessen. Vor allem aber sind im losen Produktionsverbund mit deutschen und europäischen Häusern viele Künstler entdeckt und gefördert worden, deren Arbeit sich als prägend für das zeitgenössische Theater erwiesen hat. VA Wölfl und sein Ensemble Neuer Tanz, das britische Performancekollektiv Forced Entertainment, Norton Commander oder die durch ihren dokumentarischen Ansatz charakterisierte Gruppe Rimini Protokoll sind da zu nennen.

Unter Niels Ewerbeck keine komplette Neudefinition, wohl aber eine Neuausrichtung

Viele Künstler, die den Mousonturm geprägt haben, tauchen bei Vorhaben des neuen Intendanten Niels Ewerbeck auf. Mit dem 49-Jährigen, der vom Theaterhaus Gessnerallee in Zürich kommt, steht keine komplette Neudefinition an, wohl aber eine Neuausrichtung. Bei einer Mischung aus Tanz und performativen Künsten, einer Präsenz von Frankfurter Künstlern wie Stéphane Bittoun und Antony Rizzi und internationalen Ensembles wie dem Natur Theatre of Oklahoma bleibt es vorerst. Zunächst schließt das Haus wegen Umbaus ein halbes Jahr. Tragende Säulen im Saal sollen herausgenommen werden, was eine Verbreiterung der Bühne möglich macht, um den Anforderungen des Tanzes besser gerecht zu werden.

Buroch ist ein Mann von mediterraner Lebensart. Da mag es wundern, dass er am Ende keine große Sause steigen lässt, einen opulenten bunten Abend mit vielen Künstlern. „Es war schön mit Euch“, so lauten am Schluss des Dezemberprogramms die mit dem gleichfalls scheidenden Betriebsdirektor Karl Krause unterzeichneten Abschiedsworte des 60-Jährigen, der neben seiner universitären Lehrtätigkeit künftig die Tanzbiennale in München leitet. Es waren, dem ist zuzustimmen, 23 aufregende Jahre. Eine Ära, die sich durch Lust an Entdeckungen sowie kontinuierliche Begleitung wichtiger Künstler auszeichnet, ist zu Ende...

Quelle: op-online.de

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