Geschöpf, das nicht anstrengt

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Valery Tscheplanowa am Main mit ihrem Chihuahua Urs

„Sie soll ja so ein puppenhaftes Schielen gehabt haben. Ich stelle sie mir überhaupt nicht verwegen vor. Eher klug, aber zerbrechlich. Auf mich wirkt sie wie jemand, der in etwas hineingefallen ist. Von Astrid Biesemeier

Sehr unschuldig und rein eigentlich.“ Valery Tscheplanowa spricht leise und überlegt. Die Rede ist von Rosemarie Nitribitt, der Frankfurter Prostituierten, die 1957 im Alter von 24 Jahren ermordet wurde. Tscheplanowa mimt ab Dezember die Nitribitt im Schauspiel Frankfurt, wo sie neu im Ensemble ist. Da sie derzeit nur eine kleine Rolle im Musical „Cabaret“ spielt, hat sie Zeit, über Nitribitt nachzudenken.

Dann erzählt die sehr zart wirkende Tscheplanowa, was sie glaubt, was Männer bei einer Prostituierten suchen. „Ich stelle mir vor, dass ein Mann ein Geschöpf sehen möchte, das einfach leer ist, in dessen Gesicht man nicht zehn Traumata, 20 Verletzungen oder 100 Ängste sieht. Ein Mann, der zu einer Nutte kommt, möchte ja nur eine oder zwei Stunden mit ihr verbringen, aber keine Biografie im Bett haben. Und die Nitribitt muss so etwas Schönes, Leeres gehabt haben, ein Geschöpf gewesen sein, das nicht anstrengt.“

Den Namen findet sie wundervoll, „da schwingt so viel mit.“ Wie die Nitribitt hat Valery Tscheplanowa einen kleinen weißen Hund. Urs ist sechs Jahre alt und überall dabei. Während des Gesprächs am Main muss er einige Male zurückgepfiffen werden. Am liebsten hätte sie zwei Chihuahuas, weil es eine sehr gesellige Rasse sei. Aber zwei Hunde, das wäre mit dem Theater nicht zu vereinbaren.

Tscheplanowa, zuletzt am Deutschen Theater Berlin engagiert, spielte unter anderem in der Fernsehserie „Doktor Martin“. In diesem Jahr drehte sie mit Andreas Dresen den Kinofilm „Whisky mit Wodka“ an der Seite von Henry Hübchen und Corinna Harfouch.

Sprache bedeutet ihr sehr viel. Deshalb hat sie den Tanz an den Nagel gehängt. Es wundert nicht, dass der Autor Heiner Müller sie fasziniert: „Ich könnte jahrelang mit seinen Werken verbringen und lesen, was über ihn geschrieben wurde.“ Sein Umgang mit Geschichte, seine Wahrnehmung von Zeit und das Rauschhafte seiner Sprache schätzt sie.

Bis Valery Tscheplanowa in der Stadt, in der die Nitribitt die letzten zwei Jahre bis zu ihrem Tod lebte, die Edelhure verkörpert, dauert es noch. Aber ab heute ist die Mimin, die auch singen kann, in „Cabaret“ zu sehen. Das Musical von John Kander, Fred Ebb und Joe Masteroff spielt im Berlin der frühen 30er Jahre. Premiere ist um 20 Uhr im Bockenheimer Depot.

Quelle: op-online.de

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