Gespräch mit dem Leiter des Literaturhauses

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Vielseitig: Hückstädt hat eine Tischlerlehre und ein Studium der Geschichte und Germanistik absolviert.

Frankfurt (zik) - Man möge sich beim Abhören des Gesprächs nicht langweilen. Das ist der Wunsch, den Hauke Hückstädt seinem Gast mitgibt. Tief zu stapeln ist die Sache des neuen Leiters am Frankfurter Literaturhaus sonst nicht.

Er will bundesweite Beachtung erzielen. An seiner vorigen Wirkungsstätte, dem Literarischen Zentrum in Göttingen, das er vor zehn Jahren aufgebaut hat, ist ihm das gelungen. Von lyrischen Ambitionen – Hückstädt hat zwei Gedichtbände veröffentlicht – hat er sich verabschiedet. Geboren ist der Vierzigjährige im Städtchen Schwedt an der Oder. 1984 ist er mit den Eltern nach Hannover übergesiedelt. 1995 übernahm er dort die Leitung des Literarischen Salons, später bestückte er die ,,WörterWelt“ im Deutschen Pavillon der Expo 2000.

Frage: Wird mit Ihnen eine neue Heiterkeit in das Literaturhaus einziehen?

Hückstädt: „Sie spielen auf den Titel eines meiner Gedichtbände an. Ich denke, dass Vermittlungsarbeit Parallelen zur ,Sesamstraße’ hat. Da gibt es nur eine Frage: Wieso ist das eigentlich so? Mich hat immer interessiert, was die Leute antreibt, sich in einer bestimmten Weise auszudrücken. Das kann man nicht auf Kirmesniveau machen. Es gilt, den Sachen gerecht zu werden. Das ist richtige Kärrnerarbeit. Es ist eine dramaturgische Aufgabe.“

Sie haben die Literaturvermittlung einmal als Kunstform bezeichnet. Worin besteht diese Kunst?

„Die Leitung eines solchen Hauses erfordert nicht weniger Künstlerschaft als die eines Theaters. Man muss versuchen, Gästen auf Augenhöhe zu begegnen. Man muss offen sein, jonglieren können. Sich selbst immer wieder überraschen können. Sonst bleibt man immer in seinen Gehegen. Kunst ist aber darauf angelegt, dass man immer weiter vordringt.“

Was ist von Literatur heute zu erwarten?

„Literatur könnte deutlicher machen, dass wir ein Gemeinwesen sind. Dass die Sprache das ist, was uns zusammenhält. Die Dichter sind die Existenzbedingung, die NASA der Sprache. Mit der Sprache regeln wir ja alle Vorgänge unter uns. Da müssen wir mit solch einem Haus auf unterhaltende Weise mitmischen.“

In Göttingen hatten Sie den Radrennfahrer Rolf Aldag eingeladen. Wie viel Entertainment gehört in ein Literaturhaus?

„Rolf Aldag hatte ich eingeladen, weil seine Fernsehreportagen über die Tour de France ein ästhetisches Ereignis waren. Sie waren witzig, pointiert und fachkundig. Das hat mich interessiert. Wie in einem Zeitungsfeuilleton sollte möglichst viel stattfinden, was ein bestimmtes reflektorisches Niveau hat. Interessant sind Dinge, die irritieren, die fordern, die ich nicht sofort verstehe.“

Was für eine Funktion hat ein solches Haus für Stadt und Region?

„Das Programm muss so vielzüngig sein wie die Stadt. Man sollte beflügelt aus dem Haus wieder herausgehen. Auch bundesweit wollen wir wahrgenommen werden. Das sind hehre Ansprüche, niedriger sollte man aber nicht ansetzen.“

Es ist zu hören gewesen, dass der in der Zwischenzeit zurückgetretene Vorstand des Literaturhausvereins Ihrer Vorgängerin Maria Gazetti vorgehalten habe, ihr Programm sei teilweise zu abseitig gewesen, um wirtschaftlichen Erfolg zu sichern. Könnte Ihnen so etwas auch passieren?

„Wenn wir eine Kultur des Austauschs erhalten wollen, ist es der falsche Weg, immer auf die Quote zu schauen. Das stünde auch in einem disproportionalen Verhältnis zu den Verkaufszahlen von Büchern. Wenn ein Verlag von einem Buch 800 Exemplare verkauft und es kommen dann sechzig Leute zu einer Lesung, ist das doch ganz gut. Natürlich mache ich Veranstaltungen nicht für mich. Die Herausforderung ist die, meine eigenen Interessen zu popularisieren.“

Wo möchten Sie mit dem Literaturhaus in zwei Jahren stehen?

„An der Schönen Aussicht 2! Das ist eine wunderbare Lage. Aber im Ernst: Ich wünsche mir, dass man in Frankfurt, aber auch in Deutschland stolz ist, dieses Haus zu haben. Und dass es möglichst viele Leute erreicht, auch wenn man nicht immer einverstanden ist. Nichts ist schlimmer, als wenn man immer allen gefallen will. Darum geht es auch in der Literatur nicht.“

Quelle: op-online.de

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