„Der Geizige“ bei „Theater-Essenz“

Wo Gier statt Genuss regiert

Offenbach - Wenn für acht zu essen da ist, reicht es auch für zehn. Oder: Man isst, um zu leben, und lebt nicht, um zu essen. Solch Sparbrötchenrezepte bekommt das Publikum der „Theater-Essenz Offenbach“ mit auf den Heimweg. Von Markus Terharn

Zuvor aber serviert das Westfälische Landestheater Castrop-Rauxel deftige Komödienkost, gewürzt mit tieferen Einsichten. „Der Geizige“ von Molière, appetitlich angerichtet von Thilo Voggenreiter, ist trotz straffer anderthalb Stunden Spieldauer kein Schnellgericht.

Wo Schmalhans Küchenmeister ist, bleiben leibliche Genüsse Wunschdenken. So setzt die Inszenierung auf andere Sinnesfreuden. Gleich eingangs geht ein Pärchen sexuell zur Sache. Auf dieser heißen Herdplatte wird indes nicht weiter gekocht. Dafür bürgt schon der Hausherr.

Der geizige Knicker und alte Knacker Harpagon hat ein dreifaches Problem: Wie schnappt er sich eine junge – leider nicht vermögende – Frau und bringt den Sohn an eine reiche Frau, die Tochter an einen Mann, der auf die Mitgift verzichtet? Kein leichtes Unterfangen; zumal die Sprösslinge eigene Pläne für ihr Glück hegen.

Dafür, dass die Speise den Zuschauern gut mundet, sorgen in Voggenreiters kluger Personenführung die Darsteller. Burghard Braun gibt die Titelfigur als trockenen Erbsenzähler mit verkniffenen Zügen, eckigen Bewegungen und Hang zu so wortmächtigem wie stimmgewaltigem Lamento.

André Würde ist ein feuriger Liebhaber, ein Topf, der in Verena Helds Marianne das passende Deckelchen findet. Große Wandlungsfähigkeit beweist Dennis Laubenthal, der als wendiger Verwalter ebenso überzeugt wie als Freier um die Gunst von Elise, der Julia Gutjahr anmutig Gestalt verleiht.

Als mit ihrem Alter kokettierende Frosine spinnt Vesna Buljevic eine Intrige, die aus irgendwelchen Gründen doch nicht zur Ausführung gelangt. Viel Spaß macht es, Guido Thurk und Kristoffer Keudel in den Rollen dienstbarer Geister zuzusehen, die stets auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Der würdevolle Anselme, der die (bewusst) unrealistische Lösung der Probleme beisteuert, findet in Walter Theil angemessene Verkörperung.

Die leere Bühne hat Ausstatterin Anja Hertkorn mit einer halbrunden Holzwand umstellt, deren einzelne Elemente als Drehtüren funktionieren. Das ermöglicht rasche Auf- und Abtritte sowie manch hübschen Regie-Einfall. Gegenwärtige Gewänder verdeutlichen, dass in dem fast 350 Jahre alten Stück des genialen Franzosen zeitlose Fragen verhandelt werden. Da bedarf es keines übertriebenen Bezugs zur Gier gewisser Spekulanten, welche die Welt in die aktuelle Finanzkrise gerissen hat...

Quelle: op-online.de

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