Mozarts Verführer an der Frankfurter Oper

Bei Don Giovanni läutet Alarmglocke

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Brenda Rae als Donna Anna und Christian Gerhaher als Don Giovanni.

Frankfurt - Der Aufreger kam kurz vor Schluss: Ins Arien-Lamento der Donna Anna platzte zur Premiere von Mozarts „Don Giovanni“ ein durchdringender Heulton und die Aufforderung ans Publikum, Frankfurts Opernhaus zu verlassen. Zum Glück erwies sich der Alarm als technischer Defekt. Von Klaus Ackermann

Bei Don Giovanni hatte indes die Alarmglocke schon von Anbeginn geschrillt. Geht er doch in Christof Loys psychologisch zielstrebiger Inszenierung in sich, was das „Dramma giocoso“ angelegentlich zum Alptraum macht. Mit dem stimmlich glänzend aufgelegten Christian Gerhaher in der Titelrolle und einem Mozart sehr nahen Frankfurter Opern- und Museumsorchester, von Sebastian Weigle so umsichtig wie motivierend dirigiert.

Schon beim ersten dunklen Akkord der Ouvertüre bricht der Komtur tödlich zusammen, vom Degen des Don Giovanni getroffen, der dem Sterbenden, der ihm äußerlich so ähnelt, unbewegt ins Auge blickt. Hier noch Pantomime, später dann Realität in dem morbide wirkenden, leeren Barocktheater, dessen blutroter Vorhang den Toten bedeckt, der seine von Don Giovanni verführte Tochter im Zweikampf rächen wollte. Später teilt ein riesiger Holzschrank die Bühne, mit Türen, die in ein Labyrinth zu führen scheinen und den Blick freigeben auf das steinerne Denkmal des Komturs, nur halb zu sehen (Ausstattung: Johannes Leiacker, stilisierte Kostüme der Zopfzeit: Ursula Renzenbrink).

Große Gefühle enden hier im Jammertal. Es wird viel geprügelt und mit Pistolen und einer Axt gedroht, alle Liebe und Hass hat nur ein Ziel, den immer auf neue Abenteuer erpichten Don Giovanni, der sich mit seinem Diener auch mal via Zuschauersaal absetzt. Und beim bekannten Menuett spielen vier Streicher auf der Bühne wie der Tod maskiert mit. Durchweg spannend ist diese bei Loy absolut ernste Operngeschichte durch seine gewissenhafte Personenregie, die echte und künstliche Gefühle dicht an den emotionalen Strängen der Musik extrahiert. Bei Weigle ein geschmeidiger Mozart-Ton, mit Momenten starker Innerlichkeit und wildem Furor.

Eine stimmlich sympathische Sopranistin

Fürs Bühnenpersonal allemal ein Gewinn an Charakter. Allen voran ein äußerlich gealterter Don Giovanni, der dem Tod mutig ins Auge schaut und doch im Innersten weiß, dass er verloren ist. Gerhaher, Debütant in dieser Titelrolle, bringt seine Lied-Erfahrung ein, dramatisch beweglich und mit vielen leisen Zwischentönen verführend. Vor allem im betörenden „Reich mir die Hand mein Leben“. Freilich auch ein Egozentriker, dem keiner gewachsen ist. Schon gar nicht die stimmlich so sympathische Sopranistin Grazia Doronzio als Bauernbraut Zerlina, stets in die Arme ihres Masettos flüchtend (gescholten und verprügelt: Jung-Bariton Björn Bürger).

Zuneigung hat auch Diener Leporello verdient. Simon Bailey, mit elastischem Bass-Bariton die „Register-Arie“ locker über die Bühne bringend, kehrt zudem angelegentlich heraus, was für ein armes Schwein er im Grunde ist. Als verlassene Ehefrau Donna Elvira pflegt Sopranistin Juanita Lascarro gekonnt einen leicht hysterischen Tonfall, während Brenda Rae als Donna Anna und ihr potentieller Gatte, Tenor Martin Mitterrutzner, ihre Ängste, ihr tiefes Leid in seelenvollen Schöngesang einbringen. Und Frau Rae das Kunststück fertigbringt, auch nach dem Fehlalarm die stimmliche Spannung wieder aufzubauen. Den Komtur, der Don Giovanni äußerlich so sehr gleicht, gibt der stimmlich standfeste Bass Robert Lloyd.

Am Ende liefern sich etliche Don Giovanni- und Komtur-Paare artistische Degenkämpfe - der echte Titelheld sinkt entseelt zu Boden und wird zugedeckt - diese Höllenfahrt ist zwar konsequent, dämpft freilich auch Erwartungen…

Weitere Aufführungen am 15., 17., 23., 25. und 29. Mai im Opernhaus am Willy-Brandt-Platz. Karten gibt es unter 069/21249494.

Quelle: op-online.de

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