„Buddenbrooks“ im Capitol

Wie die Glieder einer Kette

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Thomas Mann

Offenbach - Unternehmerfamilie oder Familienunternehmen – was steht im Fokus? In kaum einem Werk der Weltliteratur durchdringen sich Privates und Wirtschaftliches so wie in Thomas Manns Debütroman „Buddenbrooks“. Von Markus Terharn

Beides scheint gleichberechtigt in John von Düffels Bühnenfassung. Es ist an der Regie, Prioritäten zu setzen. Bei Klaus Schumachers Inszenierung fürs Theater Bremen, als Gastspiel im Offenbacher Capitol, liegt der Schwerpunkt auf dem Menschlich-Allzumenschlichen. Als wär’s ein Stück von Henrik Ibsen. Die Parallelen zwischen Mitte des 19. und Beginn des 21. Jahrhunderts, beide von der Ökonomisierung geprägt, sind nicht auf die Spitze getrieben. Handlung und Sprache bleiben, wo sie hingehören. Der ironische Stil ist gewahrt, der Dialog Mann-haft, selbst wenn die berühmten „goldgelben Favoris“ um der Verständlichkeit willen zu Koteletten werden.

Dräuend hängen 13 Glocken vom Schnürboden über den Köpfen der Charaktere. Es ist ein sinnfälliges Bild, das Kulissenbauerin Katrin Plötzky für die Schicksalhaftigkeit des Geschehens da gefunden hat. Wie auch der hölzern klappernde Untergrund, der immer weniger Bewegungsraum lässt, leider nur von höher gelegenen Plätzen aus zu sehen. Die Figuren kommen nicht nur als Individuen über die Rampe, sondern als Glieder einer Kette, die mit ihnen an ihr Ende gelangt. Sehr typgerecht sind sie besetzt, von Karen Simon trefflich ausstaffiert. Da ist der würdevolle Konsul Jean, von Martin Baum angemessen steif und angestrengt angelegt, stets bemüht, den Wohlstand der vom Vater begründeten Firma zu mehren. Daneben seine Frau Betsy, die Irene Kleinschmidt streng und mit zunehmend frömmlerischen Zügen interpretiert. Und dann die drei Geschwister, an denen sich der Verfall dieser Sippe vollzieht.

Moderne Dramaturgie und Regieführung

Quirliger Mittelpunkt ist die naive Tony. Karin Enzler verleiht ihr anfangs fröhliche Unbekümmertheit, die nach zwei gescheiterten Ehen der Verbitterung weicht, was an ihrer Haltung nichts ändert. Die größte Wandlung macht Guido Gallmann in der Rolle des Thomas durch, der unter der Last der Verantwortung versteinert und verknöchert. Sich treu bleibt Alexander Swoboda als hypochondrischer Lebemann Christian, schon in den Verfilmungen die dankbarste Partie. Für seine artistische Körperbeherrschung heimst er Lacher und Szenenapplaus ein. Die anderen Mimen fügen sich überzeugend ins Konzept. Sei es Claudius Franz als windig-waschlappiger Bendix Grünlich, Tonys erster Gatte, der als ihr Schwarm Morten ja sehr nett sein kann; sei es Siegfried W. Maschek als bayrisch-knorriger Alois Permaneder, ihr zweiter Mann, dessen anfängliche Sympathiewerte bald ins nur Peinlich-Widerwärtige abstürzen. Dem Bankier Kesselmeyer verleiht Maschek erst Albernheit, dann Aasigkeit. Susanne Schrader gibt Thomas’ nicht standesgemäßer Liebe Anna flüchtige Gestalt, seiner gefühlskalten Gemahlin Gerda autistisches Gebaren.

Die Dramaturgie des mehr als dreistündigen, Konzentration fordernden Abends verlangt, dass kurz vor Schluss schnell noch drei Menschen sterben müssen. Auch dafür gibt es eine elegante Lösung: Eine Totenglocke stülpt sich über Thomas und seinen lebensuntüchtigen Sohn Hanno. Starker Einfall. Starker, anhaltender Beifall.

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Quelle: op-online.de

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