Götter als Statisten

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Zur Strecke gebracht: Kaiser Nero und Philosoph Seneca beim gemeinsamen Dampfbade.

Wiesbaden - Die Bühne suggeriert Einheit von Musik und Szene. Stühle stehen allerorten auf der Bühne, die sich im Hintergrund surreal aufwellt, das Orchester ist aus dem Graben nach oben gerückt und verteilt sich. Von Axel Zibulski

Hinten links in einer Nische die Posaunen, rechts vorne der Generalbass. Dort steht aber auch, romantisches Instrument schlechthin, eine Celesta. Historisch ganz unkorrekt haben sich selbst Klarinetten und sogar ein Wirtshaus-Klavier hineinverirrt in diese Wiesbadener Neuproduktion.

Dirigent Samuel Bächli hat Claudio Monteverdis 1643 in Venedig uraufgeführte Oper „L’incoronazione di Poppea“ musikalisch höchst unorthodox eingerichtet, Regisseur Markus Bothe inszeniert diese „Krönung der Poppea“ im Großen Haus des Staatstheaters Wiesbaden mit starken Kürzungen. Das Ergebnis: Monteverdis musikalisches Drama um den römischen Kaiser Nero, der kompromisslos und über Leichen seine Geliebte Poppea zur Kaiserin krönen lässt, verliert viel von seiner Atem raubenden Drastik. Der Prolog, der die Personen als Marionetten wettstreitender Götter erscheinen lässt, ist weitgehend gestrichen, die Götter bleiben zottelige Statisten. In den somit aufgewerteten menschlichen Sphären jedoch kippt diese „Krönung der Poppea“ bedenklich ins Heitere, das bei Monteverdi und seinem Textdichter Giovanni Francesco Busenello eigentlich nur eine unter vielen Facetten ist. So gibt Bothe den Szenen um Poppeas ältliche Amme Arnalta breiten Raum, die Tenor Erik Biegel zwar zur lächerlichen Zentralgestalt aufwerten kann. Richtig lustig wird’s aber trotzdem nie, weil selbst in dieser Hinsicht der Neuproduktion jeglicher Biss fehlt.

Nächste Vorstellungen am 4. und 11. Dezember. Karten unter Tel. 0611/132325

Seneca, von Nero zur Strecke gebrachter Philosophen-Lehrer, steigt in eine mächtig dampfende Badewanne. Na und? Wenn die zu entsorgenden Ex-Partner von Nero und Poppea ins Exil geschickt werden, brennen Stühle. Ein plumpes Bild. Trotz der kräftigen Kürzungen wirkt die Wiesbadener Produktion langatmig, und zwar auch musikalisch. Denn das über die Bühne und bis in die Proszeniumslogen verteilte Hessische Staatsorchester muss zwangsläufig faserig klingen, obwohl es unter der Leitung von Samuel Bächli durchaus sorgfältig spielt. Bächli, früher in Wiesbaden, heute in Erfurt Kapellmeister, greift zwischenzeitlich zum Akkordeon – noch ein musikalischer Gag, der hier das Ausweichen der Regie vor dem Stück nicht kompensieren kann.

Immerhin ist mit Matthew Shaw ein zuverlässiger Countertenor als Poppeas zur Verbannung gebrachter Partner Ottone zu hören, Merit Ostermann singt die abdankende Kaiserin Ottavia angenehm reflektiert, Sharon Kempton gestaltet die Partie der Poppea leicht dunkel getönt und glühend präsent. Weit blasser bleibt der flach und nuancenarm klingende Nero von Bariton Martin Homrich, bis hin zum perfide schönen Final-Duett von Poppea und Nero, mit die Fallhöhe zur belanglosen Inszenierung ein letztes Mal schmerzlich deutlich wird.

Quelle: op-online.de

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