Göttervater zeigt gelegentlich Gefühl

Wieder treffen Menschen auf göttliche Wesen und Unwesen, ohne diese gewahr zu werden. Wieder werden in Ruinen und Denkmälern des von Tankred Dorst inszenierten „Rings“ große Gefühle in langen Monologen zelebriert. Wieder gibt es Licht und Schatten bei den Gesangsleistungen. Von Klaus Ackermann

Wieder wird Christian Thielemann bejubelt, weil er dem Theatralen in Richard Wagners „Walküre“ nachspürt und im Netz der Motive nie die Linie verliert.

Göttervater Wotan steckt im Schlamassel: Als wölfischer Wälse ist er durch die Wälder gestreift, hat gemeine Menschen geschwängert und Zwillinge gezeugt. Siegmund und Sieglinde, voneinander nichts wissend, finden in der Hütte von Sieglindes Mann Hunding zueinander, wohin sich der Unselige vor dessen Meute, Skinheads mit Wolfsköpfen, geflüchtet hat.

Heftige Cello-Passagen wirken wie Musik zu einem expressionistischen Film. Im angeschärften Klang meint man den stoßweisen Atem des Flüchtigen zu hören. Die Liebenden wirken jetzt natürlicher, ohne steife Gestik. Endrik Wottrich als Siegmund beginnt stark, muss aber mit seinem oben engen Tenor den Spitzentönen Tribut zollen. Zu wenig fürs „Winterstürme wichen dem Wonnemond“. Publikumsliebling Eva-Maria Westbroek, als Sieglinde neben schrillen Tönen des Leids zu feiner Empfindsamkeit fähig, singt ihn an die Wand. Und der viel beschäftigte Kwangchul Youn fühlt sich in der Schurkenrolle des Hunding pudelwohl, bei klarer Diktion eines ausdrucksstarken Basses.

Der Inzest der Geschwister zieht die Geburt des heldenhaften Siegfried nach sich. Doch erst einmal liest Fricka dem über den Wolken schwebenden Göttergemahl die Leviten, stutzt ihn auf menschliches Maß. Und setzt in moralischer Entrüstung durch, dass Siegmund im Kampf mit Hunding fallen muss – trotz Wunderschwert No thung. Michelle Breedt, auch äußerlich die Gehörnte und von zwei widderköpfigen Jünglingen begleitet, droht, schreit, fleht und demütigt sich. Mit einem Mezzosopran, klar in der Höhe, insistierend im Pianissimo. Alle Macht den Frauen: Die Schwedin zeigt ethische wie stimmliche Kompetenz.

Nach kühnem Stunt greift Wotan in den Kampf ein, den seine mit Urmutter Erda gezeugte Tochter Brünnhilde zugunsten Siegmunds entscheiden wollte. Rücklings wird er von Wotans Schwert durchbohrt, der Hunding ein „Geh!“ entgegenschleudert. Prompt fällt der tot um. So einfach ist das auf Tankred Dorsts Fantasy-Bühne.

Brünnhilde, die sich dem Gottvater widersetzt hatte, eilt mit der schwangeren Sieglinde zum Felsen, wo sich ihre rot uniformierten, mit Plastikspeeren und -schilden bewehrten Schwestern um tote Helden kümmern. Choreografisch auf Sparflamme, wirkt ihr Walkürenritt musikalisch umso greller. Der energisch die Bläser des auch rhythmisch agilen Festspielorchesters forcierende Thielemann hat wohl einen Höllenritt im Sinn.

Indem Brünnhilde der Sieglinde zur Flucht verhilft, hat sie Wotans Zorn aufs Neue entfacht. Linda Watson stemmt sich machtvoll gegen die orchestralen Fluten – mit fiebrig schillernden und entsprechend ungenauen Spitzentönen, aber auch mit angenehm expressivem Nachdruck. Strafe muss sein: „In festem Schlaf verschließ ich dich“, eine Art Dornröschenschlummer. Vokal unterstreicht der stark geforderte Bass Albert Dohmen seine Autorität, ein Gottvater, der freilich auch Gefühle zeigt.

Im finalen Feuerzauber mit dem nachdenklichen Wotan, der durch glühende Wolken schreitet, zieht Thielmann noch einmal alle orchestralen Register zu schier impressionistischer Klangpracht. Brünnhilde im Straf-Schlaf – Siegfried kann kommen.

Quelle: op-online.de

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