Göttliches Schlamassel

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Amor ist an allem schuld: Staunend verfolgt der Liebesgott (Anna Fusek), wie Jupiter mit einer List die liebreizende Nymphe Kallisto gefügig macht. Foto:

Frankfurt - Auf dem Laufsteg und drumherum geht es drunter und drüber. Dagegen herrscht beim Publikum im Bockenheimer Depot Ordnung: Männlein und Weiblein sitzen einander gegenüber, getrennt durch die schmale Spielfläche. Von Klaus Ackermann

Gespielt wird Francesco Cavallis Dramma per musica „La Calisto“, eine Produktion des Theater Basel, von der Oper Frankfurt mit neuen Kräften einstudiert.

Regisseur Jan Bosse bringt göttliche und ganz menschliche Krisen auf den ernsten und heiteren Punkt. Und der Brite Christian Curryn, Spezialist für frühbarocke Oper, hat nicht nur die beiden Kammerformationen auf Frauen- sowie Männerseite, sondern auch das auf deftige Pointen erpichte Ensemble gut im Griff, bei dem es schon stimmlich schwerfällt, Männer und Frauen auseinander zu halten. Kurzum, ein himmlisch-frivoler Opernabend, mit verdientem Beifall bedacht.

Am Anfang ist die Erde wüst und leer, Folgen eines Krieges von Göttern und Menschen, die Jupiter und sein Manager-Kumpel Merkur (Daniel Schmutzhard mit energisch bis öligem Bariton) begutachten – natürlich von oben aus dem schräg platzierten Männer-Publikum kommend. Ganz Feuer für die liebreizende Nymphe Kallisto, lässt Jupiter die Quellen rieseln, doch die Jungfrau besteht auf ihrem Status. Dieser Wasservorhang auf dem Laufsteg wird alle nass machen, scheint ein Aphrodisiakum zu sein und dient sogar als Projektionsfläche für so manchen Liebestraum (Ausstattung: Stéphane Laimé, Video: Ulrike Lindenmann). Das reicht in Verbindung mit den köstlich entlarvenden Kostümen (Kathrin Plath) für ein dramatisch zielstrebiges Schlamassel und drei Stunden barocke Kurzweil.

Erst als sich Jupiter in Diana verwandelt – und der stramme Bass des Luca Tittoto zum gurrend lockenden Sopran mutiert – gibt Kallisto nach, folgt ihm in die (Liebes-) Grotte, sehr zum Unwillen der Diana, die ihre Ehrenjungfrau verstößt, was diese nun gar nicht begreift: Christiane Karg verfügt da über einen starken Sopran, prädestiniert für erhaben barocke Affekte.

Doch auch die Jupiter-Tochter Diana hat es erwischt. Jenny Carlstedts großartiger Sopran wirkt mal harsch aufbegehrend, mal schier inniglich liebend. Während der Altus Valet Barna-Sabadus, an unerfüllter Liebe zur Göttin leidend, stimmlich am Ende ein wenig an Intensität verliert. Die standhafte Diana lässt ihn in ewigen Schlaf versinken ...

Schuld am Schlamassel hat der grazile, das Gefühlsleben der Akteure bestaunende Amor der Anna Fusek, mit stilsicherem Flötenspiel, gelegentlich auch die Continuo-Orgel bedienend. Schlicht, ergreifend aber immer auf dem gefühlvollen Punkt sind die Lieder, Ariosi und Tänze des Monteverdi-Schülers Cavalli. Beeindruckend das Großangebot an harmonisch auffälligen Rezitativen. Zwei stereo platzierte Basso continuo mit Celli, Lauten, Harfe, Gambe und Lirione haben alle Hände voll zu tun. Selbst der „historisch informierte“ und flotte Tempi schätzende Dirigent Curryn wird ins Spiel einbezogen. Wenn Diana-Dienerin Lynfea, eine Nymphomanin, ihr Recht auf liebevollere Töne einklagt. Der durchtriebene Flavio Ferri-Benedetti gibt ihr starkes komödiantisches Profil, erster unter den Möchtegern- und echten Countertenören.

Noch am 28. und 30. Dezember sowie am 2., 4., 6. und 7. Januar

Und da sind noch: eine Juno (Brenda Rae), die als Jupiter-Gattin per Sopran energisch Mores lehrt; ein Pan (Martin Mitterrutzner), dessen lyrischem Tenor die Welt gehört, der aber ebenso bei Diana abblitzt wie seine Co-Satyre Florian Plock und der stimmstarke Counter Christopher, behaarte Unwesen in Rocker-Pose. Nicht zuletzt sorgt das Ensemble Barock vokal der Mainzer Musikhochschule für bedrohlichen Furien- wie für reizvollen Liebesgesang. Selbst die Geschlechtertrennung im Publikum macht Sinn, weil Männlein und Weiblein separat Mores gelehrt wird. Dann tut sich ein Sternenhimmel auf, auch von den Zuschauern per Lichtlein gezündet, mit Kallisto als Großer Bärin. Zeit zum Träumen – von einer besseren Götter- und Menschenwelt.

Quelle: op-online.de

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