Gott vertrauen, Kamel anbinden

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Fünf Teile umfasst Navid Kermanis Frankfurter Vorlesung.

Der Koran und der Prophet Mohammed kommen bei Navid Kermani nur am Rande vor: Wer von dem deutsch-iranischen Autor bei seiner Antrittsvorlesung als Poetik-Gastdozent eine aktuelle Auseinandersetzung mit Islam oder Christentum erwartet, wird enttäuscht. Von Thomas Maier

Vor fast 500 Zuhörern im großen Hörsaal der Frankfurter Goethe-Universität liefert der Germanist und Orientalist eine faszinierende Reise durch die deutsche Literaturgeschichte, die dem Orient gar nicht so fern ist. Im Zentrum: Kermanis entstehender Roman. Verwirrend und verblüffend spielt der Sohn iranischer Einwanderer mit seinen Identitäten als Romanschreiber, Wissenschaftler, Moslem oder als Ehemann. Wie wird dieser Roman, in dem es um Gott und die Welt sowie Kermanis Großvater geht, zum Beispiel durch banale Tätigkeiten wie den Kauf von Stützen zur Stabilisierung seines Schreibtischs beeinflusst?

Als Vorbild dient dem 42-Jährigen Jean Paul (1763-1825), der in seinen Romanen 200 Jahre vor der Postmoderne mit gegensätzlichen Stilebenen experimentierte. Der Meister der „Formlosigkeit“ spaltet die Kritik. Für Kermani macht es aber gerade die Qualität eines Romans aus, als Leser überall einsteigen zu können. Da sieht er die Verbindung zur erzählerischen Tradition des Orients wie in „Tausendundeiner Nacht“. Daran habe im 16. Jahrhundert Cervantes in seinem bahnbrechenden „Don Quijote“ angeknüpft.

In der Literatur geht es für Kermani darum, die Welt in ihrer Unordnung und ihren Zufälligkeiten zu erfassen. Und in ihren Widersprüchen: „Vertraue auf Gott, aber binde dein Kamel an“, zitiert er Mohammed. Der Leser muss das Geschriebene für sich einordnen. Ein Anspruch, der bei oberflächlicher Analyse von Kermanis Denken zu Fehlurteilen führen kann, wie der Konflikt um seine Thesen anlässlich der Verleihung des Hessischen Kulturpreises gezeigt hat: Der in Köln lebende Autor hat zwar in einem Essay bei der Kreuzestheologie von Gotteslästerung und Götzendienst gesprochen – zugleich aber unter dem Eindruck eines italienischen Altarbilds seine emotionale Hinwendung zum am Kreuz hängenden Jesus formuliert.

Kermanis hintersinniges Denken hätte Theodor W. Adorno sicher gefallen. Der Frankfurter Philosoph ist sein Idol, wie er sagt. Die traditionsreiche Gastdozentur an der Uni, an der Adorno lange gewirkt hat, stellt für ihn deshalb etwas Besonderes dar.

Quelle: op-online.de

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