Grabungen in Seelenlandschaften

Grundrisse, Erde und Pigment vereint Göbel zur Kunst.Foto: Georg

Die Inszenierung des Wagengrabes in Offenbachs Haus der Stadtgeschichte hat Zuwachs bekommen: In der Industriehalle ist eine neue Art Grabkammer entstanden, markiert durch einen fast unberührbaren Kreidekreis und einen imaginären Keltenfürsten aus Holzbrettern mit Eisenscharnieren als Brustpanzer.

Der Schöpfer dieser Installation, der Bad Sodener Helmut Göbel, hat die Silhouette des Liegenden mit dem Kompass geostet und die Himmelsrichtung mit Holzpflöcken markiert.

Zwei Dutzend malerisch verfeinerte Darstellungen zu rundlichen Grabhügeln am Glauberg – oder anderswo – schmücken die Wände, mal dunkelbraun versiegelt oder auch in Ockertönen aufleuchtend. Fein gestufte und collagierte Variationen zu Grundmauern labyrinthischer Paläste aus dem Mittelmeerraum erinnern nicht nur an Knossos oder Olympia. Eine großräumige Bodeninstallation geht in einer Sequenz vier erdfarbener Bildern und mehrerer unterbrechender Streifen den Weg des feldforschenden Archäologen: von der geometrischen Vermessung noch unberührt wirkender Bodenoberfläche über Sondierungen und Orientierungsgrabungen bis hin zur schichtweisen Freilegung.

„Flurstück 19.3“, „Prospektion I-V“, „F 4“ markiert Göbel seine meist aus Erden und Bindemittel, Ölfarbe und Acryl auf Bildfelder und Malgründe aufgebrachten Motive. Der gelernte Bauzeichner und Architekt geht bei seiner „Imaginären Archäologie“ ebenso akribisch vor wie „echte“ Ausgräber. Da werden feine Bleistiftskizzen erarbeitet, eingetütete Erden durchgesiebt, sortiert und zum Malmittel verbunden, Hölzer und Pappen schichtweise zu feinen Reliefs gefügt, klärende Linien eingeritzt und Bögen geschlagen. Wie gebannt ist Göbel von immer neuen Ideen, die er auf Reisen zu archäologischen Fundstellen in Deutschland, Italien, Griechenland, Nordafrika und der Türkei gewonnen hat.

Das mühsame Handwerk der „eigentlichen“ Archäologie ist ihm dabei eher „zu langweilig“, zumal er die Öffnung von Gräbern im Prinzip ablehnt. Göbel geht es viel mehr ums künstlerisch Große und Ganze, um die magischen Gestalten unterirdisch verborgener Bauwerke und Grundrisse. Grabbeigaben und Skelette sucht man in seiner Objekt- und Bilderwelt vergebens, die immer wieder mit axialsymmetrisch gemitteter Signatur aufwartet. Reale Darstellung der Vergänglichkeit liebt er weniger. Dafür hat er die Industriehalle mit Klebeband in vier ungleiche Felder fast diagonal eingeteilt und lebt darin seine Leidenschaft für Materialien und Erdfarben in fast abstrakter Weise aus. Seine Verwischungen, Sgraffiti, Collagen, Reliefs, Erdwerke und Materialdrucke sind reine Kunst. Und doch bleiben sie auf basilikale oder hellenische Mauergrundrisse bezogen, die man zu kennen glaubt. Göbel lässt aus realen Geländekarten und Messblättern immer neue unterirdische Gefüge in toniger Farbharmonie entstehen. Offensichtlich geht es hier um mehr als zeichnerisch-malerische Bewältigung optischer Eindrücke. Da ist einer auf dem Weg zu sich selbst, als Geländegänger und Kartierer der Seelenlandschaft.

REINHOLD GRIES

„Helmut Göbel: Imaginäre Archäologie“ im Haus der Stadtgeschichte Offenbach. Geöffnet: Dienstag, Donnerstag und Freitag von 10 bis 17 Uhr, Mittwoch 14 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag 11 bis 16 Uhr.

Quelle: op-online.de

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