Gral als Lichtspiel: Lohengrin im Kino

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Stimmliche Leitfiguren der Frankfurter Inszenierung: Elza van den Heever als Elsa von Brabant, Michael König als Lohengrin

Regisseure greifen derzeit oft zum Filmprojektor, um ihre Ideen assoziativ zu unterfüttern. Jens-Daniel Herzog schickt „Lohengrin“ lieber gleich ins Kino. Das macht Sinn, wenn der Held so traumhaft ersehnt wird wie von Elsa, woraus ein dauerhafter Albtraum entsteht. Von Klaus Ackermann

Schließlich gibt es in der romantischen Oper sogar einen filmgerechten Showdown. Nicht zuletzt haben Generationen an Filmkomponisten von Wagners spezifischer Klang-Dramaturgie profitiert.

Bertrand de Billy breitet sie an der Oper Frankfurt mit dem Museumsorchester in 3-D aus. Unterstützt von starken Stimmen mit Michael König als Lohengrin und Elza van den Heever (Elsa) an der Spitze, eine Wagner-Sängerin, der die Zukunft gehört. Dass am Ende die Akteure in Beifall baden, während das Produktionsteam einige Buhs erhält, ist in Frankfurt Ritual.

Als stamme er mit Holzsesseln und Empore aus den 1950er Jahren, so mutet jener Kinoraum an, in dem das zeitlos gekleidete Publikum (Ausstattung: Mathis Neidhardt) atemlos dem A-Dur-Vorspiel mit seiner machtvollen Entwicklung lauscht, die de Billy so akribisch strukturiert, dass der Zauber fast verloren geht. Engelsmusik, mit dem Gral als irrlichterndes Projektionslicht.

Das Menschliche folgt auf dem Fuß, wenn sich Kinogänger in Opern-Akteure verwandeln, Ortrud in Gestalt einer Eisverkäuferin den Knaben Gottfried (Elsas Bruder), entführt und der smarte, von seiner machtgeilen Frau aufgehetzte Telramund vorgeblichen Kindesmord anklagt, die Massen derart aufstachelnd, dass sie die unschuldige Elsa lynchen wollen.

Wer da nun welche Figur spielt, wird leicht ersichtlich, im Zweifel gibt das Textband Auskunft. So wuseln die Männer von Brabant wie eilfertige Gehilfen des Heerrufers durch den Filmsaal, den Johannes Martin Kränzle als Kino-Kalfaktor gibt. Allein mit seinem fein timbrierten und aufbegehrenden Bariton schafft er Wagner-Nähe. Wie auch Bjarni Thor Kristinsson, der als König Heinrich den kurzfristig erkrankten Gregory Frank vertritt, mit souveränem Bass das Gottesgericht einfordernd, nachdem Lohengrins Ankunft mit Schwan als Vision auf unsichtbarer Leinwand zumindest das Kino-Publikum gefesselt hat.

Zu sehen ist Lohengrin noch am 7., 14., 17., 21. und 24. Mai sowie am 1. und 6. Juni.

Lohengrin ist ein Rock’n Roller, der einem Fantasy-Film entsprungen scheint. Dem mit zitternden Telramund schenkt er nach russischem Roulette das Leben. Michael König hat Gold in der Kehle, ein Titelheld mit kernigen tenoralen Gaben, stabil auch in dauernder Höhe, ein Glücksgriff für Wagner und Frankfurt. Als Telramund ist Robert Hayward baritonal sehr präsent, wird aber von der Regie bis hin zur Wasserfolter (Guantanamo lässt grüßen) durch die Mangel gedreht und schließlich von Lohengrin wie ein lästiges Insekt erschlagen.

Kinozeit, wenn Elsa im blütenweißen Hochzeitskleid zu hellem Hintergrund den roten Teppich abschreitet. Elza van den Heever, deren großer Sopran im Traum vom Beschützer noch ein wenig flackert, wächst von Akt zu Akt. Vor allem im Psychokampf mit Ortrud, die Jeanne-Michèle Charbonnet mit schneidendem Mezzo gibt. Dann wird aus dem Gralsmärchen ein Seelendrama von bestürzender Dichte. De Billy und das Orchester lassen den Film-Soundtrack weit hinter sich.

Tönt der Hochzeitsmarsch hinter Gazevorhang wie mit Weichstift gezogen, so beginnen die Szenen einer Ehe noch bevor diese vollzogen ist. Die von Michael König im dunklen Hintergrund fein stilisierte Gralserzählung scheint Elsa nicht mehr zu erreichen, so apathisch verfolgt sie die Abreise ihres Ritters. Während der Heerrufer als Platzanweiser Gottfried seiner Schwester zuführt. Der Chor (Matthias Köhler) hat Bayreuth-Format, eine hochdramatische, klanglich stählerne Phalanx, die sich empfindsam zurücknehmen kann. Selbst im Nazi-Look, wenn der König befiehlt, die Horden im Osten in Schach zu halten.

Frankfurts „Lohengrin“ spielt im Kino. Doch das heißt noch lange nicht, dass Wagner hier aus zweiter Hand abgespult wird. Schon gar nicht bei so lebendiger Musik.

Quelle: op-online.de

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