Grandioser Maskenball

Masken rühren an die Wurzeln menschlicher Existenz, an Leben und Sterben. Nicht von ungefähr werden Toten- und Lebendmasken wie Ikonen gehütet. Erstmals widmet sich eine Kooperation des Pariser Musée d’Orsay, der Kopenhagener Ny Carlsberg Glyptotek und der Darmstädter Mathildenhöhe den Metamorphosen des Antlitzes.

Mathildenhöhe-Direktor Ralf Beil hat die Pariser Schau sogar um drei Kabinette erweitert und zu grandioser Fin-de-Siècle-Inszenierung orchestriert. „Die Maske ist ein Faszinosum in Kult und Theater. Sie ist zugleich Gründungselement moderner Skulptur bei Rodin sowie Geburtshelfer moderner Malerei“, verweist Beil vor allem auf die Zeit von 1860 bis 1930.

Der Rundgang knüpft zunächst an die klassische Rolle der Maske im antiken Theater an. Gern formt man im 19. Jahrhundert Satyrn und Faune nach, aber auch schlangenumkränzte Medusenköpfe als Bild des Schreckens. Bei Arnold Böcklin und Franz von Stuck geraten sie zur männerverschlingenden Femme fatale. Hauptstadt dieser Mode ist um 1900 Paris. Zur Verehrung entstehen Skulpturen wie Zacharie Astrucs „Maskenhändler“ und Armand Blochs gigantische Holzskulptur als Pantheon berühmter Franzosen. Auch anderswo gedeiht bürgerlicher Geniekult. Deshalb liegt in Darmstadt die weltweit einzigartige Totenmaske Shakespeares neben der seines Verehrers Goethe. Auch die Masken Beethovens geraten zur Zierde. Stucks quadratisches Relief wirkt wie eine Beethoven-Erscheinung, Antoine Bourdelles Maskenskulpturen zeigen das Bonner Genie weniger heroisch als tragisch, was dessen realem Schicksal nahe kommt.

Auguste Rodins „Mann mit gebrochener Nase“, erstes erhaltenes Werk und Initialzündung, ist wegen eines Atelierunfalls mit dem Porträtkopf zur Maske zerbrochen. Für Rodins retrospektive Balzac-Köpfe musste ein Busfahrer Modell sitzen. Verbissen arbeitet sich der Pionier moderner Plastik auch am Konterfei der japanischen Tänzerin Hanako ab, schreibt ihr eher den Tod ins Gesicht als das Leben.

Traditionelle Charaktermasken des Japonismus wiederum inspirieren Rodin oder Jean-Joseph Carriès, der skurrile Typen zu grotesken Fratzen umformt. Viele Antlitze um 1900 dienen schonungsloser, fast psychoanalytischer Selbsterkundung. Oder auch dem Verhüllen derselben, wie in Geof froy-Dechaumes Abformung mit Händen vor dem Gesicht.

Paul Gauguins Holzmaske „Tehura“, eine tahitianische Eva, ist das teuerste Stück dieser hochkarätigen Schau mit mehr als 200 Exponaten. Auch der Expressionismus widmet sich Naturvölker-Masken mit Hingabe, wundervoll zu sehen am Vergleich afrikanischer Kunst mit Holzschnitten und Malereien Ernst Ludwig Kirchners und Emil Noldes. Als „Fürst der Masken“ gilt der Menschen unentwegt in Maskerade malende James Ensor, angeregt durch das Karnevalstreiben in Ostende. Auch Picassos „Demoiselles d’Avignon“ sind ohne exotische Vorbilder nicht denkbar. Wie der Surrealismus dem „anderen Gesicht“ und Max Ernsts Collagen-Roman „Une semaine de bonté“ dem Wechselspiel von Maske und Eros verfällt, hat man ebenso wenig gemeinsam gesehen wie den Stummfilm „Phantom der Oper“ von 1925 neben Jean Cocteaus verspielten „Antigone“-Masken. REINHOLD GRIES

„Masken – Von Rodin bis Picasso“ vom 8. März bis 7. Juni auf der Mathildenhöhe Darmstadt. Geöffnet: Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18, Donnerstag bis 21 Uhr.

Quelle: op-online.de

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