„Glam! The Performance of Style“

Ausstellung grenzenlos glamourös

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Ulay „S’he“ aus dem Jahr 1972.

Frankfurt - In den frühen 1970er Jahren gingen Kunst, Mode und Musik eine bis dahin nie dagewesene Verknüpfung ein, die heute als „Glam“ bekannt ist. Die Schirn Kunsthalle in Frankfurt widmet dieser „Performance of Style“ eine große Ausstellung. Von Christian Riethmüller

„Im urbanen Leben des 20. Jahrhunderts ist der Künstler unweigerlich Konsument und potentieller Teil der Massenkultur“, befand der britische PopArt-Künstler Richard Hamilton und sah deshalb die Grenzen zwischen Hochkultur und Alltagskultur aufgehoben. An der Universität von Newcastle upon Tyne, wo Hamilton unterrichtete, hörte ihm ein Student besonders aufmerksam zu, der schließlich selbst zur Ikone der Massenkultur werden sollte. Es war Bryan Ferry, Sänger von Roxy Music, jener Band der frühen siebziger Jahre, die sich am konsequentesten als Gesamtkunstwerk inszenierte und sowohl Musik als auch die visuelle Gestaltung ihrer Alben und ihrer Bühnengarderobe einem Design-Gedanken und einem bewussten Spiel mit Zeichen und Codes unterwarf.

Karl Stoecker: „Bryan Ferry Wearing Stage Costume Designed By Antony Price“ aus dem Jahr 1973.

Neben Roxy Music waren es vor allem Musiker wie David Bowie und Marc Bolan, die als Protagonisten dieses eklektischen, postmodernen Stils zu Ruhm gelangten, weshalb Glam gemeinhin als eine Spielart der Popmusik verstanden wird, tatsächlich als Stil aber in fast alle Bereiche der Kultur vordrang, und neben der Musik auch Kunst, Mode, Fotografie und Film beeinflusste.

Diesen vielfältigen Einflüssen lässt sich in der sehenswerten Schau „Glam! The Performance of Style“ nachspüren, die Darren Pih für die Tate Liverpool kuratiert hat. Von dort hat sie die Schirn als Kooperationspartner bis 22. September übernommen, bevor die Ausstellung noch in Linz gezeigt wird.

Schau mit über 100 Werken

Die Schau mit über 100 Werken ist nach den Worten von Schirn-Chef Max Hollein „die logische Fortsetzung“ der großen Ausstellungsprojekte „Summer of Love“ (2005) und „Op Art“ (2007), die sich mit den Interaktionen von Kunst und Populärkultur in den 1960er Jahren beschäftigt haben. Die Zeittafel in der Rotunde der Schirn beginnt deshalb auch nicht mit dem Jahr 1971, dem Geburtsjahr von Glam, sondern bereits 1964, als etwa Andy Warhol seinen Film „Mario Banana“ drehte oder Mary Quant und Vicky Tiel den Minirock erfanden und damit gesellschaftlich tradierte Vorstellungen herausforderten und in Frage stellten, wie dies dann auch die Künstler taten, die in der Ausstellung die Einflüsse des Glam auf die zeitgenössische Kunstproduktion repräsentieren.

Mick Rock: „David Bowie, Earl’s Court“ aus dem Jahr 1973.

Aufgeteilt in neun Kapitel werden dort etwa die performativen Aspekte des Glam im abgehobenen Dandytum von Gilbert & George oder der wie ein kunterbuntes Durcheinander erscheinenden Installation „Celebration? Realife“ von Marc Camille Chaimowicz vorgestellt. Arbeiten von Allen Jones und Fotografien von Guy Bourdin zeigen Fetischismus und künstliche Erotik, die damals gleichfalls begannen, ein Massenpublikum zu finden.

Werke von Jack Smith, Peter Hujar sowie von Andy Warhol, dessen Arbeit „Silver Clouds“ als Dauerinstallation in der Rotunde zu sehen ist, stehen für die amerikanische Variante des Glam, wenngleich die Ausstellung sonst eine sehr europäische Sicht auf das Phänomen vermittelt und mit Jürgen Klauke, Sigmar Polke oder Ulay manchen deutschen Künstler als Glam-Ästheten präsentiert.

Dramatische Überinszenierung

Dramatische Überinszenierung ist ebenso zu finden wie auch das Konzept der Transformation, das sowohl die Neuerfindung einer Persönlichkeit bedeuten kann wie auch den Wandel der Geschlechter oder die Pseudo-Feminität männlicher Glam-Protagonisten. Bowies androgyne Figur „Ziggy Stardust“ ist sicher das populärste Beispiel.

Musikfans dürfen sich zudem auf zahlreiche Fotos, Plakate, Plattencover und sonstige Devotionalien von Stars wie Roxy Music, David Bowie, Iggy Pop, Lou Reed, Marc Bolan oder Slade freuen, deren Songs manches Exponat sonisch umschmeicheln: „Wham bam thank you Glam!“

„Glam! The Performance of Style“ ist bis 22. September in der Schirn Kunsthalle zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag, Freitag bis Sonntag 10-19 Uhr, Mittwoch und Donnerstag 10-22 Uhr. Der Katalog kostet 25 Euro.

Quelle: op-online.de

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