Griechen-Helden in Zeiten der Krise

Das Zwei-Mann-Operettentheater ist wieder da: Mehr braucht’s nicht, um Jacques Offenbachs Meisterstück „Die schöne Helena“ ein zeitgemäßes Gewand überzuwerfen. Von Markus Terharn

Mit dem Nachfolgewerk knüpfen Michael Quast und Rhodri Britton bruchlos an den Erfolg von „Orpheus in der Unterwelt“ an. Das Publikum in der bestens besetzten Oper Frankfurt ist aus dem Häuschen! Die Vorgeschichte des Trojanischen Krieges haben die Librettisten Meilhac und Halévy aus der griechischen Mythologie in ihre französische Gegenwart, die dekadente Belle Epoque, verlegt. Da ist es konsequent, wenn Co-Autor Rainer Dachselt und Quast den Hintergrund auf die Wirtschaftskrise abstellen, in der das Opferaufkommen im Tempel rückläufig ist, während dessen Hüter gern fette Hammel mit Risoleekartoffeln und Zuckerschoten entgegennähmen.

Hohepriester Kalchas eine der zehn Glanzrollen

Hohepriester Kalchas ist eine der zehn Glanzrollen, die Quast ganz allein ausfüllt; rasch bereit, religiöse Grundsätze aufzugeben, wenn das Geld im Kasten klingt. Der desorientierte, gehörnte Menelaus, König von Sparta, ist vielleicht die beste. Dessen Gattin, die Titelheldin, zeichnet er als eitles Dummchen, das sich ständig seiner Attraktivität versichert: „Spieglein, Spieglein an der Wand...“ Ihr Verführer Paris denkt immerhin mit dem Kopf, als Einziger.

Herrliche Antihelden legt Quast mit den Griechen hin: Orest kommt in jugendlicher Angeberpose mit Rapperslang daher. Der polternde Agamemnon bricht sich bei seiner Eröffnungsrede zu den „Festspielen des Geistes“ einen ab. Achilles ist so hohl und trinkfreudig wie Ajax I und Ajax II. Der tumbe Diener Philokomus vervollständigt den Reigen der Intelligenzversager.

Quast gurrt wie eine Taube, schreit wie eine Möwe

Quast liest, singt, spielt und tanzt all diese Figuren nach-, mit- und gegeneinander, in Arien, Duetten und Ensembles – scharf konturiert, jederzeit auseinanderzuhalten. Als humorfrei moralisierender, in antikem Versmaß sprechender Chor tritt er sich selbst entgegen. Und als Inspizient koordiniert er seine eigenen Auftritte. Er gurrt wie eine Taube und schreit wie eine Möwe. Er gibt alles, aber nie zu viel.

Das gilt auch für den Mann am Flügel. Bei Offenbachs spritziger Musik, deren Witz dem des Textes entspricht, ist Britton ein kongenialer Partner, der auch die zweite Stimme singt, die Tröte bläst oder Quast zur Ordnung ruft: „Können wir bitte weitermachen?“ Oh ja!

Quelle: op-online.de

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