Ampel wird 100 Jahre alt

Die mächtigsten Lichter der Welt

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Vollgas bei Rot: Bisweilen träumt jeder davon, doch höchstens Teilnehmer der Inline-Skater-Tour dürfen das. Seit 100 Jahren regeln Ampeln den Verkehr in unseren Städten.

New  York/Groß-Zimmern - Alle Räder stehen still, wenn ihr rotes Licht es will. Die Ampel regelt die Wege von Milliarden Menschen. In dieser Woche wird sie 100 Jahre alt - aber wird es sie auch noch in Zukunft geben? Von Chris Melzer/Gudrun Fritsch  

Alle hassen es. Dennoch verbringt jeder – rein statistisch – zwei Wochen seines Lebens mit dem Warten an einer roten Ampel. Die „Lichtsignalanlage“ (LSA), wie sie im Behörden-Deutsch heißt, steuert weltweit das Leben von Milliarden Menschen, ist ein Stück Hightech mit drei Lichtern und längst auch Symbol für den Nährwert von Lebensmitteln oder politischen Koalitionen. Man kann ihr nicht entgehen. Jetzt ist die Ampel 100 Jahre alt.

Seit 1977 gibt es in Groß-Zimmern die Lichtsignalanlage an der Darmstädter Straße. Bürgermeister Thünken hat sich seinerzeit für die Installation eingesetzt.

Eigentlich ist das Prinzip Ampel älter, älter als das Auto gar. Schon 1868 gab es in London eine Gaslaterne mit rotem und grünem Licht, die ein Polizist nachts bediente. Doch nach drei Wochen explodierte sieund verletzte den Polizisten schwer. So dauerte es noch 46 Jahre, bis in Cleveland, Ohio, die erste Ampel leuchtete, wie wir sie im Grundsatz heute noch kennen.
In Groß-Zimmern wurde die erste Ampelanlage im Frühjahr 1977 an der Sparkassen-Kreuzung (L 3114/3115) Reinheimer-Darmstädter- und Beinestraße installiert.
Nach einem tödlichen Unfall hatte der damalige Bürgermeister Walter Thünken bei der Verkehrsbehörde Druck gemacht.

Sie ist und bleibt die einzige LSA zu Verkehrsregelung. Kurz danach wurde an der Friedensschule eine weitere Anlage errichtet, die ausschließlich dem Fußgängerschutz gilt. Inzwischen befinden sich an den Landesstraßen - und folglich im Aufgabenbereich der Verkehrsbehörde Hessen Mobil - in Zimmern weitere vier Bedarfsampeln: Ecke Weber-/Bertha-von-Suttner-Straße, Reinheimer Straße/Otzbergring, Darmstäder Straße/GrüneMitte und Reinheimer-/Friedhofstraße. Der Ortsteil Klein-Zimmern ist komplett ampelfrei.

1,5 Millionen Ampeln in Deutschland

Die Gemeinde betreibt zwei eigene Anlagen, die insbesondere zur Schulwegsicherung eingerichtet wurden. Beide an der Waldstraße, die eine Ecke Bahnstraße und die neuere an der Radfahrhalle.
Zuständig hierfür ist im Rathaus Manfred Jung vom Ordnungsamt. Um eine Einschätzung des Ampelverkehrs in Zimmern gebeten, sagt er: „Der Verkehrsablauf ist in Verbindung mit dem Unfallgeschehen im Bereich der Lichtsignalanlagen unauffällig. Alle Anlagen wurden bisher nicht als Unfallpunkte registriert. Es gibt keine Rückstaus und keine Negativmeldungen, die Ampeln funktionieren weitgehend störungsfrei. Auch in Bezug auf Verkehrsmenge und den -fluss gibt es keine Auffälligkeiten. Wir gehen daher davon aus, dass die eingestellten Vertaktungen der jeweiligen Rot/grün-Phasen den Räumphasen in den Kreuzungsbereichen entsprechen.“

Heute gibt es in Deutschland nach Angaben des Ampelherstellers Siemens 1,5 Millionen LSA.
Würde man alle abfahren und an jeder eine Minute Rot haben, wäre das allein eine Wartezeit von etwa drei Jahren. Auch wenn sich jeder mal über Ampeln ärgert, wird ihren Sinn kaum jemand in Frage stellen. Höchstens ihre Taktung. „Das ist eine hohe Kunst“, sagt Wilke Reints. Der Ingenieur ist bei Siemens für „Intelligente Verkehrssysteme“ zuständig und träumt manchmal sogar von Ampeln. „Es gibt faszinierende Algorithmen, um den Verkehr zu beeinflussen. Und man kann wahnsinnig viel gestalten“ –nicht immer zur Freude der Autofahrer. „Einige Kommunen lassen den Verkehr fließen, andere stören ihn künstlich. Damit sollen die Autofahrer zu Bus und Bahn gedrängt werden.“

„Ich mag Ampeln - aber nur bei grün.“

Und wofür musste die Ampel alles herhalten: Nach der Wende diskutierten Ost- und Westdeutschland darüber, wie ein Ampelmännchen auszusehen habe und ob ein grüner Blechpfeil an der Ampel sicheren Verkehr oder sicheres Verderben bringt. Auf fettigen Schokoriegeln prangt in einigen Ländern eine große rote Ampel, um vor zu viel Kalorien zu warnen. Und Koalitionen bezeichnen sich als Ampel, weil ihre Parteien die gleichen Farben aufweisen – obwohl die doch nur zusammen leuchten, wenn die Ampel nicht funktioniert.

Ist die Ampel bedroht? Als modern gilt inzwischen die Lenkung über einen Kreisverkehr, der den Autofluss flotter machen soll. „Das funktioniert aber kaum in der Innenstadt“, sagt Reints. „Und außerdem stellen einige Kommunen am Kreisverkehr Ampeln auf – und nehmen ihm damit den ganzen Witz.“
Ausgerechnet der Ampelexperte träumt von einer Welt ohne Ampeln. „Weil alle Autos miteinander kommunizieren und selbst den idealen Verkehrsfluss errechnen. Aber es gibt ja noch Radfahrer und Fußgänger. Deshalb bleibt das auf absehbare Zeit wirklich nur ein Traum“, sagt Reints.
Schon in wenigen Jahren wird die Ampel zum Autofahrer sagen: Wir müssen reden! Zum Beispiel über die Zeit, die noch rot ist. „Dann könnte Ihnen die Ampel sagen: Mach’ den Motor aus!“ Eines wird bleiben: „Oben rot, dann gelb und grün – das hat sich einfach bewährt, praktisch auf der ganzen Welt.“ In China sollte zwar mal alles umgedreht werden, damit die Farbe des Kommunismus für freie Fahrt steht, das endete aber im Chaos.

So bleibt wohl noch etwas anderes erhalten: Der Ampelflirt. In einer Umfrage sagten vor zwei Jahren 71 Prozent, dass sie die Wartezeit schon einmal für einen Flirt genutzt hätten. Das begeisterte auch einen Verkehrspsychologen: „Denn Flirten entspannt“, sagte damals der Experte vom TÜV Süd, Jürgen Merz. Und wer entspannt ist, fahre sicherer Auto. Die Ampel bleibt also und auch künftige Generationen können noch den monotonen Gesang verstehen, den Monty Python 1980 anstimmte: „Ich mag Ampeln, ich mag Ampeln, ich mag Ampeln – aber nur bei grün.“

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