Mit der Bahn explodieren die Preise

Makler Sascha Reitzel, Chef der noch jungen „Immo-Profis Rhein-Main“. J   Fotos (2): sr

GROSS-ZIMMERN - „Bezahlbarer Wohnraum“ ist ein Stichwort. „Seniorengerechtes Wohnen“ ein weiteres. Auf dem Immobilienmarkt geht es rund, auch in Groß-Zimmern.

Das liegt nicht nur an den niedrigen Zinsen, sondern auch an dem „Zuwachs an Ansehen, den die Gemeinde in den vergangenen 15 Jahren erfahren hat“, so Immobilienmakler Sascha Reitzel. In fast allen Marktsegmenten übersteigt die Nachfrage das Angebot, mit entsprechenden Auswirkungen auf die Preise.

Tobias Lauer, leitender Sozialarbeiter der Projektwerkstatt „Soziale Stadt“, hat sich für das Marktsegment „günstige Wohnungen“ ein Bild von den aktuellen Verhältnissen gemacht. Bei seinen Recherchen hatte er unter anderem die „Kunden“ der Kreisagentur für Beschäftigung (KfB) im Hinterkopf, hat die von der Behörde festgesetzten Höchstgrenzen mit den Angeboten in Groß-Zimmern verglichen und ist zu folgenden Ergebnissen gekommen: „Für kleine Wohnungen (30 bis 40 Quadratmeter) werden im Internet Preise zwischen 8,75 bis zu 9,10 Euro angegeben. Bei großen Wohnungen über 100 Quadratmeter liegen die Durchschnittswerte zwischen 6,31 und 6,83 Euro. Im Neubau reichen die Preise auch für größere Wohnungen bis zu 8,80 Euro.“

Für kleine Wohnungen im Neubau seien ihm auch Kaltmieten von bis zu zehn Euro pro Quadratmeter geläufig, ergänzt Reitzel im Gespräch mit dem LA.

Einem Ein-Personen-Haushalt billigt die KfB nach Auskunft von Kreispressesprecher Frank Horneff derzeit 45 Quadratmeter und für Groß-Zimmern eine Kaltmiete von 336,15 Euro zu – was rund 7,50 Euro pro Quadratmeter entspricht. Jedoch insbesondere im Bereich mittelgroßer Wohnungen klaffen die Marktpreise und die Höchstsätze der KfB auseinander, stellt Lauer fest und konstatiert: „Für Haushalte mit drei bis fünf Personen wird nur eine Miete deutlich unterhalb des Mietspiegels gewährt. Ein Wohnungswechsel ist für Mehrpersonenhaushalte daher fast unmöglich. So konnte einer fünfköpfigen Familie auf der entsprechenden Warteliste der Gemeinde seit 2009 immer noch kein Wohnungsangebot gemacht werden.“

Damit korrespondiert die Auskunft von Hans-Peter Wejwoda, dem Pressesprecher der Groß-Zimmerner Gemeindeverwaltung: „Ja, es gibt bei uns eine Vormerkliste für preisgünstige Gemeindewohnungen.“

Auf der anderen Seite wird die Zahl dieser Wohnungen immer geringer, da sanierungsbedürftige Gebäude aus Konsolidierungsgründen eher veräußert als saniert werden. „Und die Gemeinde wird auch noch Wohnraum benötigen, um in diesem Jahr die ihr zugewiesenen Flüchtlinge unterzubringen“, gibt Wejwoda zu bedenken. An regulative Maßnahmen wie den Wiedereinstieg in einen kommunalen Sozialwohnungsbau sei trotzdem nicht gedacht, so der Pressesprecher, auch nicht im kommenden Baugebiet „Schlädchen“.

Dort werde man aber wohl mit Vergaberichtlinien regulierend in die Preisentwicklung für Baugrundstücke eingreifen.

Die Baulandpreise in Groß-Zimmern liegen laut Tabelle des Amtes für Bodenmanagement zwischen 210 und 270 Euro pro Quadratmeter, in Teilbereichen der Alten Ziegelei sind auch über 300 Euro bezahlt worden.

Reitzel, Chef der noch jungen „Immo-Profis Rhein-Main“, diagnostiziert ein weiteres Anziehen dieser Preise, „denn die Nachfrage nach Baugrundstücken ist größer als das Angebot, und die Zinsen bleiben niedrig“.

Ein Regulativ könnte die Ausweisung neuer Baugebiete sein, die „Alte Ziegelei“ habe gezeigt, wie schnell so etwas zu vermarkten sei, und das angrenzende „Schlädchen“, das die Gemeinde selbst entwickeln will, sei der Testfall für die weitere Zukunft. Allerdings müsse man auch bedenken, dass Groß-Zimmern nicht mehr allzu viele Optionen für die Ausweisung weiteren Baulandes habe, da man an vielen Stellen an Auen-, Naturschutz- und Überschwemmungsgebiete stoße. Wenig Bewegung sieht Reitzel auf dem Feld der immer mehr nachgefragten „barrierefreien“ Wohnungen – und macht dafür auch die Kommunalpolitik verantwortlich, die manchen Investoren unnötige Hindernisse in den Weg lege, statt in Bebauungsplänen entsprechende Akzente zu setzen. Aber auch Investoren scheuten vor der in eher ländlichen Regionen noch mit wenigen Erfahrungen durchsetzten Materie zurück.

Insgesamt habe sich Groß-Zimmern als nachgefragter Wohnort gemausert, „denn wir liegen am Rand des Speckgürtels vom Rhein-Main-Gebiet, haben eine gute Infrastruktur und eine recht gute Verkehrsanbindung“, so der Makler. Der tägliche Stau auf dem Weg nach Darmstadt bleibt – vorerst.

Was aber ist, wenn die Machbarkeitsstudie der Dadina im Frühjahr grünes Licht für den Bau einer Straßenbahnlinie zwischen Groß-Zimmern und Dieburg signalisiert? „Dann explodieren hier die Immobilienpreise“, diagnostiziert Reitzel – und für einen kurzen Moment spiegelt sich ein Anflug von Goldgräberstimmung auf seinem Gesicht. J sr

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