Als die Bahn noch durch Zimmern fuhr

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Einen wahren Schatz breitet Peter Wöllert (rechts) aus. Die Baupläne der Eisenbahnstrecke von Groß-Zimmern nach Darmstadt aus den 90er-Jahren des 18. Jahrhunderts.

Groß-Zimmern - Der Signalmast in der Grünen Mitte war der Treffpunkt für den ortsgeschichtlichen Rundgang, zu dem der Glöckelchenverein jetzt eingeladen hatte. Der Mast ist das letzte Andenken daran, dass in der grünen Lunge Groß-Zimmerns einmal die Eisenbahn fuhr. Von Ulrike Bernauer

Genau dieser widmet Manfred Göbel seinen ortsgeschichtlichen Rundgang. Es soll an die rauchspeienden Ungetüme und alles, was damit zusammenhing, erinnert werden.

Einen geschichtlichen Abriss der Eisenbahn in Zimmern gibt es zum Beginn des Rundgangs, der zwar von der Strecke her nicht lang war, dafür aber einen langen Zeitraum umfasste. Schon relativ früh sprang Groß-Zimmern auf den Zug auf, bereits 1872 trat man dem „Commitee zur Erbauung der Eisenbahn von Dieburg nach Offenbach“ bei. An diese Bahnlinie wurde Zimmern allerdings nie angeschlossen, 1894 beschloss der Landtag dann den Bau der Nebenbahn Groß-Zimmern- Darmstadt. 1897 war es dann soweit, der erste Zug steuerte Groß-Zimmern an. Nicht nur Personen wurden von der Eisenbahn fortan befördert, wichtig war auch die Beförderung von Gütern, erzählte Manfred Göbel den zahlreichen Teilnehmern des Rundgangs unter denen auch zahlreiche ehemalige Bahnmitarbeiter waren, die unterhaltsame Anekdoten beisteuern konnten.

Zuckerrüben gehörten beispielsweise zur Fracht, 1976 wurden noch 300 Güterwagen von der Feldfrucht in Groß-Zimmern beladen, 1978 wurde das dann eingestellt. Verladen wurde Holz, Sand, Altpapier für die Weiterverarbeitung, die Lederfabrik erhielt ihr Material über die Eisenbahn und Kohle kam. Landwirtschaftliche Geräte kamen und alles, was man so an großen Gütern transportieren konnte.

Groß-Zimmern bekam durch die Bahn Auftrieb

Ein Fruchthändler hatte sich auch in Groß-Zimmern angesiedelt. Laut Gewerbebuch aus dem Jahr 1891, also fünf Jahre bevor die Bahn in Betrieb ging, hatte dieser Händler Kontakte nach Augsburg, Würzburg, Frankfurt, München und darüber hinaus nach Italien, Frankreich und Ungarn. Groß-Zimmern bekam durch die Bahn so richtig Auftrieb.

Natürlich wurden auch Personenzüge auf die Strecke geschickt, in den Hochzeiten der Zimmerner Eisenbahn fuhren auf der Strecke alleine in eine Richtung täglich 17 Züge, wobei der letzte um 1 Uhr fuhr, der nächste schon wieder gegen 3 Uhr, also fast rund um die Uhr.

Unterhaltsame Geschichten gibt Göbel auch zum Besten. In der Personenbeförderung gab es damals vier Klassen. In der vierten, der Holzklasse, durfte auch Gepäck befördert werden, beliebt bei Zimmerns Geflügelhändlern, auch eine Kiepe mit Federvieh zu transportieren. Laut einer Anordnung von 1924 durften dann die Hinkel in Kiepen nicht mehr mitgenommen werden. „Das handelte sich nur um den Eisenbahnbezirk, in dem Zimmern lag“, erzählt Göbel, „erst die Korrespondenz des damaligen Bürgermeisters mit den Verantwortlichen führte dazu, dass wieder Hinkel transportiert werden konnten“.

„Die Entscheidung der Bahn kann man schon verstehen“

Grund für das Transportverbot des Federviehs war die Verschmutzung der Waggons, aber auch der üble Geruch, der wohl in den Waggons herrschte. „Wenn man da mit gefahren ist, hat man hinterher auch einen guten Duft ausgeströmt“, erinnert sich einer der älteren Teilnehmer des Rundgangs. 1965 fuhr dann der letzte Personenwagen nach Darmstadt.

„Die Entscheidung der Bahn kann man schon verstehen“, sagt Danz, ehemaliger Lokomotivführer, „damals war die Zeit, wo sich jeder ein Auto gekauft hat und die Züge sind leer gefahren, die Bahn hat auf der Strecke 700.000 DM Verlust eingefahren. Dass die Bahn dann sagt, das rentiert sich nicht mehr, muss man auch verstehen“.

„Ich behaupte, wenn die Schienen liegen geblieben und nicht entfernt worden wären, würde heute hier ein Itino fahren“, erklärt mit Nachdruck Peter Wöllert, auch ein ehemaliger Eisenbahner. Nach Pfungstadt seien die Schienen in der Vergangenheit nicht entfernt worden, ab Dezember werde wieder eine Bahn nach Pfungstadt fahren.

„Eine Straßenbahn wäre schon schön“, wünscht sich Heinz Held. Jetzt werde wieder eine Untersuchung gemacht, ob sich eine Straßenbahn nach Groß-Zimmern lohne, 2003 war die letzte, da habe es sich nicht gelohnt, so Wöllert. Das könnte, nach dem Scheitern der Nordostumgehung jetzt allerdings anders sein.

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